Stand: 06.10.2016 13:58 Uhr

HSV und Crocodiles: Aufbruch nach dem Absturz

von Christian Görtzen, NDR.de
Wurstbuden statt Skylight-Café: Die Eissporthalle Farmsen in Hamburg.

Das Aus für den Eishockey-Club Hamburg Freezers und die Insolvenz des Handball-Bundesligisten HSV Hamburg waren schwere Schläge für den Spitzensport in der Hansestadt. Doch nun beginnt wieder etwas zu wachsen. In der Drittklassigkeit gelingen erste Erfolge. Auch dank der Fans, die zu den Spielen der Crocodiles und der HSV-Handballer pilgern.

Luxus findet sich hier nicht. Den sucht aber auch niemand in der Eissporthalle Farmsen. Ein Heimspiel des Eishockey-Oberligavereins Crocodiles Hamburg ist kein Mainstream, kein sentimentaler Sing-Sang, das ist Punkrock. Laut, hart, aggressiv - so, wie die Musik eine Viertelstunde vor dem Eröffnungsbully durch die schmucklose Halle dröhnt, so wollen die Fans auch ihre "Krokodile" auf dem Eis sehen. Der Rahmen hier ist ein ganz anderer als bei den Heimspielen der Hamburg Freezers, die bis zum Ende der vergangenen Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) spielten, die dann aber von der Bildfläche verschwanden, weil der amerikanische Eigentümer Anschutz Entertainment Group (AEG) für den defizitären Club keine neue Lizenz mehr beantragen mochte.

Wurstbuden statt Skylight-Café

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Rustikal statt Schickimicki: Tresendekoration in der Eissporthalle Farmsen.

Wo in der 12.947 Zuschauer fassenden Arena im Hamburger Volkspark ein riesiger Videowürfel von der Decke hing, baumelt hier eine kleine Discokugel herab. An der Stirnseite der Halle gibt es zumindest eine digitale Anzeigetafel. Und wo es bei den Freezers ein schickes Skylight-Café gab, sind es hier rustikale Wurst- und Bierbuden. Auf jener mit dem Namen "Arktis" sind auf dem Dach leuchtende Eisbären zu sehen, auf der anderen Seite heißt die Bude "Antarktis", dort sind es Pinguine. Sitzplätze gibt es nur an einer Seite. Jahrelang verloren sich bei den Heimspielen 300 bis 400 Zuschauer in der 1996 renovierten Halle.

Schubert: Freezers-Aus ein "Schlag ins Gesicht"

Seit dieser Saison ist das anders. Und das liegt vor allem an dem Mann mit der Nummer 13 auf dem Crocodiles-Trikot. Christoph Schubert ist nach dem schmerzhaften Aus für die Freezers zurück an der Basis. Der 34-Jährige spielte in der nordamerikanischen Profiliga für die Ottawa Senators und die Atlanta Trashers, zuletzt war er in Hamburg bei den "Kühlschränken" der Kapitän. Er hatte im Sommer noch um die Zukunft der Freezers gekämpft, hatte Sponsoren und Förderer gesucht. Schnell bekam er rund 1,2 Millionen Euro zusammen. Doch die AEG ließ sich nicht mehr umstimmen. "Das war schon ein richtiger Schlag ins Gesicht. Die Enttäuschung darüber war enorm groß. Ich bin dann mit Frau und Kind erst einmal weg aus Hamburg, in den Urlaub. Wir mussten uns umorientieren", sagt der gebürtige Münchner.

Run auf Dauerkarten

Nachdem die Enttäuschung über das Aus für die Freezers einigermaßen verdaut war, schloss er sich den drittklassigen Crocodiles an. Schubert: "Ich hatte auch Angebote aus der DEL und der Zweiten Liga, aber mir wurde schnell klar, dass ich es versuchen musste, Eishockey in Hamburg am Leben zu halten." Seine Vertragsunterzeichnung bei den Crocodiles sorgte für eine Aufbruchstimmung im Nordosten Hamburgs. Beim 2:1-Auftaktsieg gegen die Rostock Piranhas war die Halle mit 1.955 Zuschauern ausverkauft - das hatte es zuvor letztmals in der Saison 1999/2000 gegeben, als der Verein in der Zweiten Liga spielte. Beim 8:4 gegen FASS Berlin am vergangenen Sonntag war die Bude wieder voll. Der Hype zeigt sich auch bei den Dauerkarten: In der vergangenen Saison wurden 50 verkauft, nun sind es 1.000. Der Etat des Vereins wurde daraus folgend von 200.000 auf 400.000 Euro verdoppelt.

Überall Trikots mit Schriftzug "Schubert"

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Das Gesicht der Hamburg Crocodiles, Kapitän Christoph Schubert.

Auf den Tribünen finden sich zahlreiche ehemalige Freezers-Fans, die nun mit den "Krokodilen" mitfiebern. Sehr viele tragen ein Crocodiles-Trikot mit dem Schriftzug "Schubert". Frank Woithe ist einer davon. "Ich hatte es zuerst nicht gedacht, dass Christoph zu den Crocodiles gehen würde. Aber mir war auch klar: Wenn er es macht, wird es richtig geil", sagt der 32-Jährige, der eigentlich NHL-Fan ist, der aber dieses Ursprüngliche in Farmsen schätzen gelernt hat: "Man rückt hier enger zusammen, ist näher dran am Spielfeld."

Crocodiles mit Vier-Jahres-Plan

Schubert sieht sich längst darin bestätigt, dass der Schritt zurück goldrichtig war: "Es fühlt sich überragend an." Die "Krokodile", die in der vergangenen Saison noch gegen den Abstieg spielten, haben sich nach den Verpflichtungen von Schubert und dem kanadischen Angreifer Bradley McGowan zu einem Spitzenteam in der Oberliga entwickelt. Nach vier Spieltagen liegen die Hansestädter mit ihren neun Punkten nur einen Zähler hinter Spitzenreiter Füchse Duisburg. "Wir haben hier einen Vier-Jahres-Plan", sagt Schubert, der bei den Crocodiles auch in der Geschäftsführung mitarbeitet. "Wir wollen erst einmal nichts mit dem Abstieg zu tun bekommen, in der nächsten Serie die Play-offs erreichen, und dann in der darauffolgenden oder der Saison danach in die Zweite Liga aufsteigen", so Schubert, der einen Vertrag bis 2020 unterzeichnet hat. "Wichtig ist es, dass wir gesund wachsen. Wir wollen nicht mehr wirtschaftlich von Einem abhängig sein."

Dieses Thema im Programm:

Sportplatz | 09.10.2016 | 18:00 Uhr