Stand: 16.03.2017 17:56 Uhr

Ich wollte Sie doch zum Lachen bringen

von Ulrich Kühn

Gerade war Ostern. Gut, es ist ein bisschen kalt gewesen diese Woche, aber man hat die Sonne gesehen. NachDenker Ulrich Kühn hatte Lust, die gute Laune anzuheizen. Aber dann ist was dazwischengekommen.

Wo soll ich nur wieder anfangen? Zum Beispiel die Deutsche Bahn: Sie beklagt die Verrohung Deutschlands. Immer häufiger kommt es vor, dass schon die Bitte, die Fahrkarte vorzuzeigen, Pöbelei und Gewalt provoziert. Leute, das klingt nicht gut. 27 Prozent mehr Zwischenfälle als im Vorjahr, Pfefferspray und Alarmgerät für Bahnmitarbeiter, Körperkameras, um zu dokumentieren, wie beleidigt, gespuckt, geschlagen wird. Wirklich traurig. Ich war voller Lust, Sie und mich zum Lachen zu bringen - und dann so was.

Im Prinzip keine Sensation

Aber ehrlich, wenn schon die Bahn über Hassausbrüche klagt, sollen wir uns dann wundern über die AfD? Die leidet an akuter Turbulenz im Führerhäuschen. Frau Petry spitzenkandidiert nicht, ja, sapperlott! Ich werde den Teufel tun, Mitleid mit einer Frau zu haben, die mit allen Mitteln ihren Machtanspruch durchsetzen will. Als Chorleiterin, die sie ist (ja, wirklich), glaubt Frau Petry zu wissen, wie man eitle Tenöre in die Schranken weist. Wenn die Tenöre trotzdem bocken, wirft man eben den Taktstock hin. "Kräht euren Dreck alleene." Und wenn man außerdem Orgel spielt (ja, das kann sie wirklich), drückt man den Tutti-Knopf, legt die Arme auf die Manuale und macht Kakophonie. Im Prinzip keine Sensation, in Parteien kämpft man um Macht, die einen dezenter, andere lauter. Woher aber der überschießende Hang zur Intrige, der schäumende Drang zur Gehässigkeit in einer Partei, von der ihre braveren Anhänger träumen, sie wäre besser als andere?

Ulrich Kühn © NDR Fotograf: Christian Spielmann

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NDR Kultur -

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Enorme Egoisten mit zarten Seelen

Falls Sie das interessiert, lesen Sie Justus Benders Buch "Was will die AfD?". Der Mann hat die Partei von Anfang an begleitet, er erzählt, wie der Hass in die AfD kam, ganz aus ihr selbst heraus, befeuert durch die Art, wie man online kommuniziert. Wir wissen es ja, die Schein-Anonymität im Netz lockt den Hass hervor. Bender, mit hellwachem Blick, denkt weiter. Bereits unser Wutbürgertum mochte sich Beschlüssen nicht beugen, die seine Freiheit einschränken könnten. Die geliebte Freiheit - das kann der eigene Vorgarten sein, auf den kein Schatten fallen soll. Wenn in einer Demokratie, die alte Hierarchien abbaut und immer neuen Gruppen immer feinere Rechte sichert, die also Bürgern viel Gutes tut - wenn in dieser Gesellschaft die Freiheitswünsche kollidieren und der Drang zur eigenen Freiheit sich zum Rausch entwickelt, droht die Sache zu kippen. Dann akzeptieren manche nicht mehr, dass Mehrheiten Entscheidungen treffen, die ihnen nicht in den Kram passen. Sie fühlen sich tyrannisiert - von der Demokratie, so absurd das klingt. Sie sind zarte Seelen. Und enorme Egoisten. Steht sinngemäß bei Bender, der seine originellen Gedanken schon bei Platon vorgedacht findet.

Integration hat nicht perfekt geklappt

Ist es Zufall, wenn ich jetzt an Erdogan denke? Der hat eine so zarte Seele, dass ihn jede ihm fremde Meinung empört. Mit aller ihm verfügbaren Zartheit will er alleine sagen, wo es längsgeht. Zu Hause in der Türkei findet das höchstens die Hälfte gut. Im Lehnstuhl der Demokratie, beispielsweise in Deutschland, kann das anders sein. Da macht man sich in aller Freiheit Gedanken darüber, was denen zu Hause am besten bekommt, Beschneidung von Freiheitsrechten zum Beispiel. Es wird jetzt viel darüber geredet, sehr zu Recht und zu spät, dass es mit der Integration nicht perfekt geklappt hat, weil beide Seiten Fehler machten. Aber vielleicht verhält es sich mit manchen Erdogan-Fans bei uns ähnlich wie mit Teilen der AfD.

Wenn es passiert ist, ist es zu spät

Freiheit steigt zu Kopf, zarter Egorausch benebelt das Denken und bewirkt zerebrale Verschlankung. Dann fällt einem plötzlich ein, es wäre viel kommoder, die Freiheit derer einzuschränken, die anderer Meinung sind als man selbst. Man fühlt sich irgendwie tyrannisiert durch seltsame Werte wie ein Gleichheitsversprechen, das Lebensmodelle absichern kann, die man selber nicht mag. Damit soll Schluss sein. Es hört aber nur auf, wenn einer es unterbindet. Gebt ihm Macht, auf dass er es richte. Wenn man sieht, was er wirklich anrichtet, ist es zu spät. Dann herrscht reale Tyrannei. Die bekommt man nicht so eben wieder weg.

Verdammt, ich wollte mit Ihnen lachen, stattdessen blase ich wie gehabt Trübsal. Und dann ist auch noch mein Lieblingspsychiater Dr. Brack auf Honolulu. Also frage ich Sie: Fällt Ihnen was Erbauliches ein? Ich danke dafür auf den Knien meines Herzens.

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Die NachDenker

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 21.04.2017 | 10:20 Uhr