Stand: 10.08.2016 19:57 Uhr

Wo warnen Katastrophen-Apps die Bürger?

Seit dem Amoklauf von München, bei dem die Bevölkerung auch über die Smartphone-App KATWARN alarmiert wurde, wird bundesweit in vielen Landkreisen und Städten überlegt: Wie können wir das Gefahrenwarnsystem modernisieren? Und sollen dabei auch Smartphone-Apps zum Einsatz kommen, mit der zielgenau die betroffenen Einwohner gewarnt werden können? Wie ist der Norden aufgestellt?

Bild vergrößern
Naturkatastrophe, Großbrand, Terroralarm: Die beiden Smartphone-Apps KATWARN und NINA informieren Bürger bei Gefahren.

Nicht besonders freundlich, eher schrill  - so klingt der Ton, mit dem Nutzer der KATWARN-App derzeit in den bereits angeschlossenen Gebieten gewarnt werden. Bisher geschieht das vor allem bei Großbränden, Bombenentschärfungen, Trinkwasserverunreinigungen und Blitzeis. Während des Amoklaufs in München kam die App nun erst zum zweiten Mal auch für polizeiliche Meldungen zu Einsatz. Seitdem ist Arno Vetter ein besonders gefragter Mann. Er ist Geschäftsführer des Versicherers CombiRisk, dem Mitbetreiber des KATWARN-Systems, das vom Fraunhofer-Institut entwickelt wurde. "Das Interesse der Landkreise und der kreisfreien Städte ist danach sprunghaft angestiegen. Wir haben schon viele Nutzungsvereinbarungen verschickt und gehen davon aus, dass einige in den nächsten Wochen auch aktiv scharf geschaltet werden", sagt Vetter.

Bereits gefallen ist die Entscheidung in der Stadt und in der Region Hannover. Voraussichtlich Ende September wird die KATWARN-App dort in Betrieb genommen. Damit erweitern sie den zuletzt gemeldeten Anwenderkreis von 83 Städten und Landkreisen, die die App mit offiziellen Warnungen der regionalen Behörden bestücken können - der Großteil davon liegt in Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern.

KATWARN im Norden bisher nur in wenigen Gebieten

Im Norden hingegen sehe es bisher eher mau aus, sagt CombiRisk-Geschäftsführer Vetter. Neben Hamburg nutzten bislang nur der Landkreis Osnabrück, Göttingen und die Stadt Oldenburg die App. Und die gesamte Region Ostfriesland: "Das waren die ersten Nutzer deutschlandweit, die von der Erprobungsphase bis heute sehr, sehr viel Innovation und neue Technik in das System reingegeben haben."

Bundesweite Wetterwarnungen, die vom Deutschen Wetterdienst DWD herausgegeben werden, erreichen KATWARN-Nutzer hingegen auch schon, selbst wenn ihre Region noch nicht zu den aktiven Nutzern der App gehört. Diese Nutzung des KATWARN-Systems kostet die Städte und Kreise im ersten Jahr 15.000 Euro, danach jährlich 3.000 Euro. Für die Nutzer ist die App kostenlos. Inzwischen haben gut 1,7 Millionen Smartphonebesitzer KATWARN runtergeladen.

Was können KATWARN und NINA?

Die Warn-Apps NINA und KATWARN gibt es sowohl für Android-Handys als auch für iPhones. Sie können über die jeweiligen App-Stores kostenlos heruntergeladen werden. Um Meldungen über lokale Gefahren für ihren aktuellen Aufenthaltsort zu erhalten, müssen Nutzer eine Region auswählen und/oder die Ortungsfunktion aktiviert haben. Die Warnungen kommen von Behörden und dem Deutschen Wetterdienst. Sie unterscheiden sich aber bei den beiden Anbietern.
Die Karte zeigt, welche Landkreise und kreisfreien Städte regionale Warnungen über KATWARN und NINA verbreiten bzw. dies planen (Betreiberangaben). Die durchsuchbare Tabelle am Ende dieser Seite unterscheidet hier noch im Detail.

Bundesamt für Katastrophenhilfe warnt über NINA

Rund 700.000 Nutzer hat die zweitgrößte Warn-App in Deutschland, die behördliche App NINA. Jedes Bundesland hat vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die technische Basisausstattung für den Gebrauch von NINA bekommen und muss entscheiden, inwieweit es seine Regionen flächendeckend mit Meldestellen ausstattet. Erst dann kann NINA wirklich sinnvoll genutzt werden. Kostenpunkt: etwa 20.000 Euro pro Meldestation. 

Weitere Informationen

Warnsystem im Nordosten hat Lücken

Das Katastrophenwarnsystem in Mecklenburg-Vorpommern ist lückenhaft. Laut Innenministerium kann ein Drittel der Bevölkerung gegenwärtig nicht erreicht werden. Sirenen und Apps sollen helfen. (30.07.2016) mehr

Auf Anfrage von NDR Info heißt es vom schleswig-holsteinischen Innenministerium, man wolle noch in diesem Jahr entscheiden, inwieweit NINA stärker regional angebunden werden kann. Keinen konkreten Zeitplan gibt es im Ministerium für Inneres in Schwerin. Einzelne Regionen Mecklenburg-Vorpommerns könnten theoretisch bereits per NINA gewarnt werden. Ein flächendeckender Einsatz sei aber künftig wünschenswert. Auf der offiziellen Liste des Bundesamtes für Warnungen bei lokalen Gefahrenlagen taucht Mecklenburg-Vorpommern noch nicht auf.

Auch Niedersachsen setzt auf NINA

Für die Einwohner Hamburgs ist NINA schon seit dem Frühjahr im Einsatz. In Niedersachsen sind die Pläne zumindest weit fortgeschritten: "Insgesamt ist es aber notwendig im digitalen Zeitalter solche Plattformen für Informationen in Katastrophen und Unglückslagen alle Art zu haben", so Innenminister Boris Pistorius. Noch in 2016 soll die NINA-App flächendeckend in Einsatzbereitschaft versetzt werden, heißt es im niedersächsischen Innenministerium.

Die Schwachstellen der Warn-Apps

Joachim Schwind vom niedersächsischen Landkreistag warnt jedoch gegenüber Hallo Niedersachsen davor, das Smartphone-Warnsystem als Allheilmittel zu sehen: "Die Schwachstelle aller Systeme ist, dass sie eine Anmeldung des Nutzers erforderlich machen. Wir haben den Anspruch und wollen in Krisenfällen alle Menschen warnen, egal ob sie gerade ein Handy haben oder ob sie sich eingeloggt haben in ein System", sagt Schwind.

Schwächen offenbarte die KATWARN-App zudem während des Amoklaufs in München, als sie zeitweise überlastet und nicht mehr erreichbar war. Auch als im Mai eine gewaltige Rauchwolke über den Hamburger Hafen zog, beschwerten sich zahlreiche Anwohner, zu spät von KATWARN gewarnt worden zu sein.

Mit stetig wachsendem Nutzerkreis - so hoffen und schätzen Experten - werde die Technik aller Warn-Apps aber immer ausgefeilter und zuverlässiger.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 11.08.2016 | 08:08 Uhr

Mehr Nachrichten

01:46 min

Seit 18 Jahren vermisst: Hilal Ercan

26.05.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
00:48 min

Getöteter 58-Jähriger: Haftbefehl gegen Sohn

26.05.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
01:34 min

Wie entstand der Brand in Wedel?

26.05.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell