Stand: 05.03.2016 11:12 Uhr

Ein Ehepaar im Dorf der Neonazis

So oft und gern hatten die Hamburger Krimi-Autorin Birgit Lohmeyer und ihr musizierender Mann Horst Mecklenburg-Vorpommern bereist, dass sie sich dort ihren Altersruhesitz suchten. Vor elf Jahren fanden sie ihn: in dem kleinen Dorf Jamel in Ostseenähe, zu dem nur eine Sackgasse führt. Dass die Lohmeyers noch immer dort leben, ist keine Selbstverständlichkeit, denn Jamel hat sich zu einem deutschlandweit bekannten Neonazi-Dorf entwickelt. "Man sieht sofort, dass es ein Nazi-Dorf ist, weil sie sich nicht entblöden, an jeder Hauswand ihre Nazi-Insignien aufzumalen", erzählt Brigit Lohmeyer. Es sei ein "Freilichtmuseum des Neonazitums" geworden.

Festival für Toleranz

Die beiden widersetzen sich dem braunen Sumpf, zum Beispiel mit einem Festival für Toleranz und Demokratie: "Jamel rockt den Förster" heißt es und ist eines der bekanntesten Musikfestivals in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2007 wird es vom Ehepaar Lohmeyer auf dem eigenen Hof organisiert. Was einst ein Sommerfest für Freunde und Verwandte war, ist heute ein kulturpolitisches Projekt für Demokratie und Toleranz. Dass die rechten Dörfler derzeit begeistert "Jamel scheißt auf den Förster" hören, eine CD einer Rechtsrock-Band - geschenkt. Schwerer zu ertragen sind für die Lohmeyers die Verleumdungen auf Nazi-Webseiten, die "Berufsprotestler" wollten nur hochdotierte Gutmenschen-Preise und Fördermittel abgreifen. Mit der Zeit verfange das bei immer mehr Leuten in der Umgebung.

Sieben von zehn Häusern von Nazis bewohnt 

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Ein "Freilichtmuseum des Neonazitums" nennt Birgit Lohmeyer ihren Wohnort.

Der Musiker und die Krimi-Autorin fühlen sich manchmal bedroht, oft belästigt, immer beobachtet von den Rechten, die mittlerweile sieben von zehn Häusern bewohnen. Runen hier, ein Außengrill in Form eines KZ-Verbrennungsofens da. Auf einer Scheunenwand steht "Dorfgemeinschaft Jamel - frei - sozial - national". Und dann sind da die nach gewonnenem Rechtsstreit wieder aufgestellten Wegweiser - darunter für Adolf Hitlers Geburtsstadt Braunau. Besonders besorgniserregend finden die Lohmeyers, dass die Kinder der Neonazis sektenartig und völkisch indoktriniert erzogen werden. Doch niemand kümmere sich um Gegenmittel - auch nicht die Schule.

"Jetzt erst recht" nach Scheunenbrand

In den vergangenen Jahren hätten sie und ihr Mann viele Demütigungen erfahren müssen: Es habe Diebstähle, Sachbeschädigung und Beleidigung gegeben, außerdem seien Anzeigen gegen sie bei Behörden eingegangen. Birgit Lohmeyer sieht darin gezielte Versuche der rechtsextremen Dorfbewohner, sie aus Jamel zu vertreiben. Im Sommer 2015 brannte ihre Scheune nieder. Die Ermittler entdeckten Brandbeschleuniger und vermuteten politische Hintergründe. Es gab wilde Spekulationen, aufgeklärt wurde der Fall bislang jedoch nicht. Am Ende wurden die Ermittlungen auf Eis gelegt. Das Festival fand kurz darauf dennoch statt. "Jetzt erst recht", sagten sich Birgit und Horst Lohmeyer. Ihr Durchhaltewille wurde belohnt. Sogar die Toten Hosen kamen spontan in Jamel vorbei, um den Förster zu rocken.

Unterstützung als Antriebsmotor

Dass sie nach dem Brand keinerlei Hilfe von den Nachbarn angeboten bekommen haben, war für sie nicht überraschend. Unterstützung hätten sie dafür von unzähligen anderen Menschen erhalten. Innerhalb eines Tages erreichten das Paar rund 100 Mails mit aufmunternden Worten. "Wir fühlen uns getragen von den Menschen, die, genauso wie wir, die Demokratie in unserem Land behalten möchten", sagte Lohmeyer NDR Info. Aus ihrer Heimat wegzuziehen sei ihr und ihrem Mann noch nie in den Sinn gekommen; trotz der braunen Gesinnung, die überall spürbar ist. Im Gegenteil: Sich dagegen einzusetzen sei "unsere Lebensaufgabe" geworden, sagte Lohmeyer.

Ein Kampf auf verlorenem Posten?

Das Problem sei auch, dass die Rechten gezielt Dörfer "besetzen" würden, auch in anderen Bundesländern: "Wir haben Kontakte ins Wendland, wo sich in einem Dorf gerade ein ähnliches Problem manifestiert, seit zwei Neonazi-Paare kürzlich gezielt dorthin gezogen sind." Es gehe darum, gesellschaftliche Orte - seien es kleine Orte oder Vereine - zu besiedeln, zu besetzen, zu unterwandern. Das würden auch Landesregierung und Kreistag in Mecklenburg-Vorpommern bestätigen. Doch trotz vieler Versprechen hätten die noch nichts Effektives unternommen, klagt Birgit Lohmeyer.

Mehrfach ausgezeichnet

Das Ehepaar Lohmeyer ist bereits mehrere Male für sein Engagement gegen Neonazis geehrt und ausgezeichnet worden. Im Jahr 2011 gewann es zum Beispiel die Wahl zum "Helden des Nordens 2011", einer Gemeinschaftsaktion von NDR Info, NDR Fernsehen und vier norddeutschen Zeitungen. Außerdem haben die beiden den Paul-Spiegel-Preis und den Georg-Leber-Preis erhalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.05.2016 | 14:00 Uhr

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