Stand: 21.04.2017 19:49 Uhr

Schiller-Oper: Denkmal - oder kann die weg?

Seit Jahrzehnten wird über eines der interessantesten Bauwerke Hamburgs gestritten: die Schiller-Oper. Sie wurde in den 1880er-Jahren als Zirkus erbaut, später als Theater und als Opernhaus genutzt. Doch das Gebäude im Stadtteil St. Pauli verfällt. Seit 2012 steht seine Stahl-Konstruktion unter Denkmalschutz, weil es sich um eine der letzten derartigen Konstruktionen für einen Zirkus in Europa handelt. Eigentümer und Behörden konnten sich bislang nicht auf eine Sanierung einigen. Ende 2016 wurden zwar weit gediehene Pläne für einen Umbau und eine künftige Nutzung vorgestellt - doch nun droht neuer Ärger: Die Schilleroper Objekt GmbH, die Gebäude und Grundstück verwaltet, fordert die "Befreiung aus dem Denkmalschutz".

Zirkus, Oper, Bruchbude: Geschichte einer Ruine

Bürgerinitiative: "Wir sind höchst alarmiert"

Annalena Kirchler, Sprecherin der Bürgerinitiative für den Erhalt der Schiller-Oper, berichtet: "Bei uns liefen die Telefone heiß, als wir von dem Antrag gehört haben." Zum ersten Mal seit die Stahlkonstruktion unter Denkmalschutz steht, habe es im vergangenen Jahr wieder Bewegung um das Projekt gegeben. Nun sei unter Umständen das Denkmal komplett in Gefahr. "Deshalb sind wir natürlich höchst alarmiert," sagte Kirchler NDR.de.

Dass die Initiative überhaupt von den Plänen erfuhr, geht auf eine Kleine Anfrage der Linken-Bürgerschaftsabgeordneten Heike Sudmann an den Hamburger Senat zurück. Sudmann hatte am 10. April eine Liste mit Fragen zur Zukunft der Schiller-Oper eingereicht: "Planungen und Gerüchte gab es schon viele, doch nicht nur die Zeit schreitet voran, sondern auch der Verfall, vor allem der äußeren Gebäude um die Rotunde herum", schrieb sie in der Anfrage. Der desolate Zustand wird bei einem Besuch der Schiller-Oper sofort deutlich: Diverse Schilder warnen vor akuter Einsturzgefahr.

Belohnung für fünf Jahre Nichtstun?

Am 18. April erhielt Sudmann die Antworten des Senates. An erster Stelle diese: "Am 31. März 2017 sind dem Denkmalschutzamt durch den derzeitigen Eigentümer umfängliche Gutachten, Bewertungen und eine weitere Planung übergeben worden, mit dem Ziel einer Befreiung aus dem Denkmalschutz." Die Abgeordnete ist empört: "Fünf Jahre Nichtstun für den Erhalt der Stahlkonstruktion will der Eigentümer nun mit Befreiung vom Denkmalschutz belohnt bekommen." Sudmann befürchtet, es könnten "Aussitzen und Frechheit siegen - wenn Bezirksamt, Denkmalschutz und Politik das zulassen. Das wäre ein weiterer Skandal im Umgang mit dem Denkmalschutz."

Denkmalschutzamt: "Überrascht, dass dieser Antrag kam"

Auch das Denkmalschutzamt ist alarmiert. Enno Isermann, Sprecher der zuständigen Kulturbehörde, sagt: "Ich war überrascht, dass nun dieser Antrag kam." Eine Befreiung aus dem Denkmalschutz sei rechtlich gar nicht möglich. Allerdings könne unter Umständen ein Abriss trotz fortbestehenden Denkmalschutzes genehmigt werden, wenn der Erhalt für den Eigentümer nicht wirtschaftlich zumutbar sei oder andere überwiegende öffentliche Interessen einen Abriss verlangten. "Ziel des Denkmalschutzamtes ist es nach wie vor, zusammen mit dem Eigentümer einen Weg zu finden, die historische Konstruktion als wahrscheinlich letzten festen Zirkusbau des 19. Jahrhunderts in Deutschland zu erhalten", so Isermann. Welche weitergehenden Pläne die Schilleroper Objekt GmbH zusammen mit dem Antrag auf Befreiung vom Denkmal-Status einreichte, könne er nicht sagen.

Geschichte

Das Ende einer schillernden Zeit

Die fantastische Geschichte der Schiller-Oper in Hamburg: 1891 ein Zirkus aus Wellblech, später Theater, Oper, Gefangenenlager. Heute - eine Ruine. Wir erzählen die Tragödie in drei Teilen. mehr

Noch Ende 2016 konkrete Pläne vorgestellt

Das Gelände mitten in einem beliebten Geschäfts-, Vergnügungs- und Wohnviertel gilt als echtes Sahnestück. Neue Wohnungen, Büros und Ladenflächen könnten für viel Geld verkauft oder vermietet werden. Seit Jahrzehnten wird um ein Nutzungskonzept für die Schiller-Oper gerungen. Etliche Architekten-Entwürfe verschwanden wieder in der Schublade. Die Interessen der Eigentümer, der städtischen Behörden und der Anwohner waren offensichtlich nicht unter einen Hut zu bringen. Umso erfreuter war die Bürgerinitiative, als im vergangenen Oktober der Leiter des Bezirksamtes Mitte, Falko Droßmann (SPD), die neuesten Pläne öffentlich umriss. Auch wenn darin keine kulturelle Nutzung vorgesehen war und auch weniger Wohnungen als erhofft: Das denkmalgeschützte Stahlgerüst solle erhalten werden, die derzeitige Wellblech-Rotunde in Backstein wieder aufgebaut werden, sagte Droßmann der Initiative zufolge damals. Die Eigentümerin plane, die heruntergekommenen Nebengebäude abzureißen, die Rotunde stünde dann frei und wäre von zwei Seiten öffentlich begehbar. Im Inneren sei ein Ring aus Gewerbeeinheiten geplant mit darüber liegenden Wohnungen. Nebenan solle ein Gewerbe- und Wohnhaus mit mindestens 30 Prozent Sozialwohnungen entstehen.

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Bisher kein Kommentar von Eigentümerin und Bezirksamt

Ob dieser Entwurf mit dem aktuellen Antrag auf Befreiung aus dem Denkmalschutz vom Tisch ist und nun möglicherweise das historische Gebäude komplett verschwinden könnte, ist unklar. Die Schiller-Oper Objekt GmbH war zu einer Stellungnahme bisher nicht bereit. Auch das Bezirksamt Mitte äußerte sich auf Nachfrage nicht näher. Zuvor soll die Behörde relativ engen Kontakt zu der Eigentümerin gehabt haben, über die allerdings nichts Näheres bekannt ist - außer dass es sich um eine Hamburgerin handeln soll.

Die Denkmalschutzbehörde will sich jedenfalls weiter für den Erhalt einsetzen: "Unser Ziel ist, dieses sehr besondere Denkmal zu erhalten. Aber wenn ein Denkmal nicht mehr unter Schutz steht, haben wir auch keine Möglichkeit mehr, darauf aufzupassen." Dabei sei das Amt "immer sehr bereit, Kompromisse zuzulassen", sagt Sprecher Isermann - und nennt als Beispiele die Sanierung des früheren "Spiegel"-Gebäudes und des Hochhauses der Reederei Hamburg Süd.

"Ich vermute, es wird auf Zeit gespielt"

Den Aktivisten der Schiller-Oper-Initiative spukt ein anderes Beispiel im Kopf herum: die City-Hof-Häuser. Denn dieses Ensemble soll trotz Denkmalschutz abgerissen werden. Am Ende auch die Schiller-Oper? Sprecherin Kirchler: "Ich vermute, es wird auf Zeit gespielt, bis alle Gutachten sagen: Eine Wiederherstellung ist unzumutbar. Das ist unsere große Angst, die offenbar nicht so weit von der Realität entfernt ist, wie wir gehofft hatten."

Am Sonntag will die Bürgerinitiative noch einmal öffentlich für die Rettung der Schiller-Oper werben. Seit Monaten plant die Initiative unter dem Motto "Lasst es schillern" ein Fest im benachbarten "Haus der Familie", bei dem es eigentlich vor allem um die Geschichte des Gebäudes gehen sollte. "In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen werden wir viel stärker die Frage diskutieren, wie wir dafür sorgen können, dass die Schiller-Oper erhalten bleibt und gemeinsamer Raum für die Bürger entstehen kann."

Die Schiller-Oper in den 1920er-Jahren und heute:

Die Schilleroper in Hamburg Fotograf: Balster Die Schilleroper in Hamburg Fotograf: Oliver Diedrich
Karte: Die Schiller-Oper in Hamburg

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 21.04.2017 | 19:00 Uhr

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