Chronik: Luxemburgs Weg zum Steuerparadies

Luxemburg hat zwar nur rund 550.000 Einwohner, gehört aber zu den wichtigsten Finanzplätzen der Welt. Das Großherzogtum ist der größte Fondsstandort Europas - weltweit belegt das Land den zweiten Platz hinter den USA. Der Finanzsektor steuert 25 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Geschafft hat Luxemburg das unter anderem durch attraktive Steuersätze für Unternehmen. Hier einige der wichtigsten Eckdaten zur Entstehungsgeschichte des Steuerparadieses:

  • 1929

    Gründung der Börse

    Erster Handelstag an der Luxemburger Börse ist der 6. Mai 1929. Gut fünf Monate später, am 24. Oktober beginnt mit dem Börsencrash an der New Yorker Wall Street die Weltwirtschaftskrise. Im selben Jahr unternimmt Luxemburg erste Schritte auf seinem Weg zur Steueroase: Das Land räumt internationalen Firmen die Möglichkeit ein, im Großherzogtum gegründete Unternehmen unter bestimmten Bedingungen von verschiedenen Steuern zu befreien (1929er-Holdinggesellschaften). extern

  • 1952

    Sitz des ersten europäischen Wirtschaftsverbandes

    Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande gründen die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), auch Montanunion genannt. Diese ist Vorläufer der Europäischen Gemeinschaft. Sitz des Exekutivorgans der Gemeinschaft (Hohe Behörde) wird Luxemburg. extern

  • 1957

    Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft

    Am 25. März 1957 entsteht mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Gründungsländer sind Belgien, Frankreich, Italien, die Niederlande, die Bundesrepublik Deutschland - und Luxemburg. Am 1. Januar 1958 immt die EWG in Brüssel ihre Arbeit auf. extern

  • 1961

    Cornfeld gründet ersten offenen Investmentfonds

    Bernard "Bernie" Cornfeld, der Anfang der 70er-Jahre für den bis dahin größten Finanzskandal in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sorgen wird, legt seinen ersten offenen Wertpapier-Investmentfonds in Luxemburg auf. Zuvor hatte der US-amerikanische Unternehmer und ehemalige Sozialarbeiter bereits damit begonnen, ein unübersichtlich verschachteltes Firmengeflecht aufzubauen, um möglichst wenig Steuern zahlen zu müssen. 1973 bricht Cornfelds Firmenimperium Investors Overseas Services (IOS) zusammen, viele kleine Anleger verlieren ihr Geld. Gerade in Deutschland, wo angeblich 2,5 Milliarden DM über IOS investiert wurde, sind die Einbußen groß. Cornfeld wird wegen des Verdachts der Urkundenfälschung und des gewerbsmäßigen Betruges festgenommen. 1979 wird er freigesprochen - nachdem die Kläger nach Abfindungszahlungen ihre Strafanträge zurückgezogen hatten. extern

  • 1963

    Der erste Eurobond der Geschichte

    Unter anderem an der Börse Luxemburg wird der erste Eurobond der Welt notiert. Die Anleihe mit einem Ausgabevolumen von 15 Millionen US-Dollar und fünfzehnjähriger Laufzeit für den italienischen Autobahnbetreiber Autostrade dient zur Finanzierung des italienischen Autobahnnetzes. extern

  • 1971

    Price Waterhouse kommt

    Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Price Waterhouse gründet eine Niederlassung in Luxemburg. extern

  • 1977

    Coopers & Lybrand folgt

    Die Unternehmensberatungsgesellschaft Coopers & Lybrand lässt sich ebenfalls in Luxemburg nieder. extern

  • 1985

    OGAW-Richtlinie tritt in Kraft

    Am 20. Dezember 1985 tritt in der Europäischen Union die Richtlinie zur Koordinierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften für bestimmte Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren (OGAW, englisch: UCITS) in Kraft. Die Fonds-Direktive definiert spezielle Anforderungen an Fonds und ihre Verwaltungsgesellschaften und schreibt Pflichtinformationen für Anleger vor - darunter der ausführliche und der vereinfachte Verkaufsprospekt sowie die Jahres- und Halbjahresberichte. Das soll einheitliche Standards beim Anlegerschutz gewährleisten und das grenzüberschreitende Angebot von Investmentfonds erleichtern. extern

  • 1988

    OGAW-Richtline findet Eingang in luxemburgisches Recht

    Luxemburg setzt als erstes Land in der EU die OGAW-Richtline in nationales Recht um. Als Folge nutzen zahlreiche Fondsanbieter das Großherzogtum als Tor zum europäischen Fondsmarkt. Luxemburg wird so zum wichtigen Zentrum für die Auflage und Verwaltung von Investmentfonds. extern

  • 1989

    Jean-Claude Juncker wird Finanzminister

    Nach den Parlamentswahlen im Juni 1989 wird Jean-Claude Juncker zum Finanz- und Arbeitsminister ernannt.

  • 1990

    Gesellschaftsform Soparfi hilft Steuersparen

    Mit der Umsetzung der europäischen Mutter-Tochter-Direktive in luxemburgisches Recht entwickelt sich im Großherzogtum eine neue Gesellschaftsform: Soparfi (Societe de participation financiere). Diese Finanzbeteiligungsgesellschaft kann ihre Steuerlast stark reduzieren, indem sie ihre Geschäftstätigkeit auf das Halten von Beteiligungen beschränkt. Unter bestimmten Voraussetzungen sind dann von ihren Tochterunternehmen ausgeschüttete Dividenden und Veräußerungsgewinne beim Verkauf von Beteiligungen steuerfrei. extern

  • 1995

    Jean-Claude Juncker wird Premierminister

    Am 20. Januar wird Jean-Claude Juncker luxemburgischer Premierminister. Außerdem beibt er weiterhin Finanzminister und übernimmt die Vertretung Luxemburgs als Gouverneur beim Internationalen Währungsfonds (IWF).

  • 1998

    PricewaterhouseCoopers entsteht

    Die Beratungsgesellschaften Price Waterhouse und Cooper & Lybrand fusionieren zu PricewaterhouseCoopers (PwC). extern

  • 2002

    Der Euro wird als Bargeld eingeführt

  • 2003

    Amazon kommt

    Der Internet-Versandhändler Amazon gründet seine erste Niederlassung in Luxemburg: die Amazon Services Europe SARL. extern

  • 2006

    Bei PwC in Luxemburg arbeiten nun 1.000 Beschäftigte

  • 2006

    Aus für 1929er-Holdinggesellschaften

    Nach einer vierjährigen Überprüfung entscheidet die Europäische Kommission, dass die Gesellschaftsform Holding 1929 wegen unerlaubter staatlicher Beihilfen gegen EU-Recht verstößt und somit rechtswidrig ist. Bis zum 1. Januar 2011 besteht für die betroffenen Gesellschaften eine Übergangsregelung, bevor sie voll steuerpflichtig werden. Ein Alternativmodell geht 2007 an den Start: die private Vermögensverwaltungsgesellschaft (SPF), die weder der Körperschaftsteuer noch der kommunalen Gewerbesteuer und der Vermögensteuer unterliegt. Ein "Anlagevehikel zur Verwaltung und Planung von Familienvermögen, Güterstand und Erbfolge natürlicher Personen", wie es in zahlreichen Informationsbroschüren zur Geldanlage beschrieben wird. extern

  • 2008

    Patent- und Lizenzbox halten Einzug

    Am 1. Januar 2008 tritt ein neuer Passus im luxemburgischen Einkommenssteuergesetz in Kraft. Er sieht eine Steuerbefreiung von 80 Prozent des Reingewinns vor, wenn dieser aus der Nutzung oder dem Recht der Nutzung von geistigem Eigentum (Intellectual Property, kurz IP) stammt. Dazu gehören beispielsweise Software-Urheberrechte, Patente, Marken oder Muster. Auch Kapitalgewinne aus der Veräußerung von Rechten an geistigem Eigentum sind zu 80 Prozent von der Steuer befreit. Außerdem sind solche Rechte von der Vermögensteuer befreit. extern

  • 2011

    Steuernachzahlung von Amazon gefordert

    Amazon gibt bekannt, dass die US-Finanzbehörde eine Steuernachzahlung in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar verlangt. Die Forderung ergibt sich aus Zahlungen, die zwischen ausländischen Tochtergesellschaften - einschließlich denen in Luxemburg - geflossen sind. extern

  • 2012

    Aktionsplan zur Steuerhinterziehung

    Die Europäische Kommission legt einen Aktionsplan zur Bekämpfung von Steuerflucht und Steuervermeidung von Unternehmen vor. Derzeit würden in der EU Steuern in Höhe von schätzungsweise einer Billion Euro entzogen, sagt der damalige EU-Steuerkommissar Algirdas Semeta bei der Präsentation. Zugleich teilt er mit, dass gegen Luxemburg eine Vertragsverletzungsverfahren vorbereitet wird. Das Großherzogtum, in dem der Internet-Versandhändler Amazon seine Europazentrale hat, gewähre für E-Bücher einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz und verstoße damit gegen geltendes EU-Recht. extern

  • 2013

    Bankgeheimnis fällt

    Nachdem sich Luxemburg über viele Jahre geweigert hat, kündigt das Großherzogtum an, ab 2015 die Steuerbehörden anderer EU-Länder automatisch über Zinszahlungen zu informieren, die an Personen in diesen Staaten gezahlt werden. extern

  • 2013

    Jean-Claude Juncker tritt zurück

    Am 10. Juli 2014 kündigt Jean-Claude Juncker seinen Rücktritt an. Hintergrund ist die Affäre um zweifelhafte und unkontrollierte Praktiken des luxemburgischen Geheimdienstes SREL, für die Jucker politisch verantwortlich gemacht wird. Dadurch gibt es Auseinandersetzungen mit dem sozialdemokratischen Koalitionspartner, die zum Auseinanderbrechen der Regierung führt. Es kommt zu Neuwahlen. Dabei wird Junckers Partei mit ihm als Spitzenkandidat zwar wieder stärkste Partei, doch die Sozialdemokraten einigen sich mit Liberalen und Grünen auf eine Koalition. Am 4. Dezember 2013 scheidet Jean-Claude Juncker mit der Vereidigung von Xavier Bettel als Premierminister aus seinen Regierungsämtern aus. extern

  • 2013

    "Monsieur Ruling" geht in den Ruhestand

    Der Leiter der Abteilung "Sociétés 6" in der luxemburgischen Steuerbehörde, der mit zahlreichen multinationalen Konzernen Steuerdeals vereinbart hat, geht am 1. Oktober 2013 in Pension. In Finanzkreisen wird Marius Kohl auch "Monsieur Ruling" genannt. Seine Arbeit macht nun ein sechsköpfiges Team. extern

  • 2014

    EU-Kommission verlangt Auskunft zu Steuerfragen

    Luxemburg erhält von der EU-Kommission zwei Anordnungen zur Auskunftserteilung. Es geht dabei um Steuervorentscheidungen für einzelne Unternehmen und Steuerregelungen zu Rechten des geistigen Eigentums. Bislang hatte sich Luxemburg unter Berufung auf das Steuergeheimnis geweigert, ausführliche Informationen preiszugeben. extern

  • 2014

    Ermittlungen wegen möglicher illegaler Steuervorteile

    Die EU-Kommission leitet Ermittlungen gegen Luxemburg, Irland und die Niederlande ein. Hintergrund sind mögliche illegale Steuervorteile für Amazon, Fiat, Apple und Starbucks. Der Vorwurf lautet, dass die Unternehmen in mehreren EU-Ländern beträchtliche Steuervergünstigungen erhalten haben. Dies wäre ein Verstoß gegen europäisches Recht, so die EU-Kommission. extern

  • 2014

    Bei PwC in Luxemburg arbeiten mittlerweile 2.300 Beschäftigte

Dossier

Luxemburg Leaks: Die Steuerdeals der Konzerne

Ein Whistleblower hat Journalisten weitere Dokumente über Steuerabsprachen in Luxemburg zugespielt. Darin finden sich nach Auswertungen von NDR, WDR und "SZ" Firmen wie Disney und Skype. mehr