Stand: 14.03.2017 11:38 Uhr

"Iphigenie" auf der Veddel

von Peter Helling

New Hamburg: Das Projekt des Schauspielhauses rückt einen viel zu oft vergessenen Stadtteil ins Zentrum: die Veddel. In der dortigen Immanuelkirche ist in den letzten Jahren ein lebendiges Theaterlabor entstanden, das mit und für Menschen von der Veddel Geschichten und Projekte entwickelt. Aktuell wird an einem uralten Stoff aus der Antike gefeilt: der Geschichte von Iphigenie. Es ist eine Story von heute.

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Die Immanuelkirche auf der Veddel sieht sich als "offener und aktiver Teil des multikulturellen und -religiösen Stadtteillebens".

"Wir sind  alle hier gleich, mit Begabungen oder ohne Begabungen, ich kann zum Beispiel Iphigenie schlecht aussprechen, aber jetzt lerne ich das", sagt eine der Darstellerinnen. - Akile aus der Türkei, Hava aus Albanien, Fatou mit Wurzeln im Senegal, Zumreta aus Montenegro: Sie sind Frauen von der Veddel, und sie spielen gemeinsam Iphigenies Mutter in der Nacht vor ihrer Hochzeit. Iphigenie wird zwangsverheiratet: Okay, der Mann ist kein Geringerer als der größte Kriegsheld überhaupt, der "Hauptgewinn". Trotzdem: Zwang bleibt Zwang, das Mädchen - Gala Othero Winter spielt sie - hat ihren Zukünftigen noch nie gesehen.

Feuer und Flamme für das Theater

Sie alle hier sind Feuer und Flamme für diese brutale Geschichte: Auch Fatou freut sich, bei dem Projekt dabei zu sein: "Die Veddel ist ja sehr klein. Wir kennen uns teilweise alle aus der Nachbarschaft."

Die holzgetäfelten Wände der Immanuelkirche hängen voller Kleidungsstücke, Stoffteile, in der Mitte steht ein Tisch mit einem Berg Mohrrüben. Regisseurin Paulina Neukampf hat diese Geschichte schon lange im Kopf, wollte sie immer mit Gala Othero Winter machen. Hier auf der Veddel fand sie den idealen Ort. "Ich selbst wohnte damals in Eimsbüttel, wo ich nur gut gebildete weiße Leute auf dem Spielplatz getroffen habe, dachte ich, wo wohnen all die anderen?", erinnert sich die Regisseurin.

"Zwangsheirat" - ein aktuelles Thema

Zum Beispiel hier, auf der Veddel: Während draußen die S-Bahn am rosa beleuchteten Kirchturm vorbei rattert, wird drinnen Theater gemacht. Stundenlang geprobt, diskutiert, herumgetobt. Gala Othero Winter ist begeistert: "Das find ich total toll, weil es wirklich wahnsinnige Frauen sind, auf die man hier trifft, wirklich!"

Gala Othero Winter liebt das, die Begegnung, das Neue. Es geht um die Frage, was es heißt, hier und heute auf der Veddel Frau zu sein. Und "Zwangsheirat" - für Akile ist das leider kein Fremdwort: "Meine Tante, sie hat ihren Ehemann in der Hochzeitsnacht zuerst gesehen. Ein zierliches Mädchen gegenüber einem sieben Jahre älteren Mann - das ist wie eine Vergewaltigung für eine Frau." - All diese Geschichten haben sie aufgeschrieben, in den alten Text von "Iphigenie" mit eingebaut. Das Schreiben ist eine neue Erfahrung. Auch für Hava: "Du kommst hier rein, dein Kopf ist leer, und dann plötzlich kommt so viel. Ich habe mir überlegt, ob ich ein Buch schreiben sollte!"

"Ich habe immer diesen einen Traum…" - so fangen einige Texte an. Und Träume, die lässt sich keine der Frauen hier nehmen. "In so 'nem anderen Land findet man sich selbst, in einem Land, was man eigentlich gar nicht kennt", bekennt Akile.

"Iphigenie" auf der Veddel

"Iphigenie" wird zwangsverheiratet. Ein Thema, in der Antike so aktuell wie heute, auch in Hamburg-Veddel. Dort hat das Schauspielhaus das mythologische Stück mit Jugendlichen inszeniert.

Datum:
Ort:
Immanuelkirche Veddel und Café Nova (New Hamburg)
Wilhelmsburger Str. 73
20539  Hamburg
Preis:
Pay what you want (nur Abendkasse)
Öffnungszeiten:
Öffnungszeiten Café Nova
Do bis Sa  15 - 21 Uhr
Jeden Donnerstag findet um 15 Uhr das Sprachcafé statt.
Hinweis:
Iphigenie
Regie: Paulina Neukampf

mit:
Gala Othero Winter, Hava Bekteshi, Fatoumata Aidara, Akile Bürke, Rabea Lübbe, Zumreta Sejdovic, Nicole Wiemers
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 14.03.2017 | 19:00 Uhr

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