Stand: 13.03.2017 12:05 Uhr

Movimentos-Laienklasse: Tanzen für die Freiheit

von Tino Nowitzki

Unter psychedelischen Gitarrenklängen räkeln sich die jungen Tänzer auf dem glatt gewienerten Boden. Dann springen sie plötzlich auf, zucken wie von Stromschlägen gepeinigt mit den Beinen oder nehmen einen anderen in den Würgegriff. Es poltert. Es wummert. Gliedmaßen surren durch die Luft. Zugegeben: Moderner Tanz erschließt sich nicht so leicht wie Tango und Wiener Walzer. Aber da geht es ja auch nicht darum, andere in eine Themenwelt zu entführen und vielleicht noch zum Nachdenken zu bringen. Doch genau das ist das Ziel der Tanzklasse, die im April wieder die Movimentos-Festwochen in der Wolfsburger Autostadt eröffnen will und die gerade mitten in den letzten Proben ist. In diesem Jahr ist das Thema "Freiheit". Aber kann man die überhaupt tanzen? Movimentos-Choreograf Daniel Martins sagt: "Auf jeden Fall!"

Eine Tänzerin würgt bei den Movimentos-Proben einer anderen Tänzerin zum Schein am Hals. © NDR Fotograf: Tino Nowitzki

Zu Besuch in der Movimentos-Akademie

NDR 1 Niedersachsen - Aktuell -

Die Tänzerinnen und Tänzer der Wolfsburger Movimentos-Akademie widmen sich in diesem Jahr dem Thema "Freiheit". NDR.de durfte bei den Proben zuschauen.

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Chroreograf Martins: "Warum Freiheit vorgeben?"

Dabei war er am Anfang, als er das Thema von der Festival-Leitung bekam, skeptisch: Viel zu sperrig fand er es. Und dann war da noch das Problem des Zeitgeists: Flucht, Verfolgung - in diesen Tagen hat der Begriff Freiheit viele Facetten. Politisch wollte er es deswegen gar nicht erst angehen. "Ich mochte nicht auf den Mediengaul aufspringen", sagt Martins. Überhaupt sei Freiheit ja etwas Individuelles. Warum also etwas vorgeben? Also bezog er kurzerhand die Mitglieder seiner Tanzklasse ein und fragte, was Freiheit für sie bedeutet. Von da an lief es. "Da kamen natürlich die unterschiedlichsten Sachen raus", sagt der Choreograf - klar, bei Mädchen und Jungen von acht Jahren bis zu Erwachsenen von 20 Jahren. Die Antworten reichten von "Wenn meine Eltern mir nicht mehr sagen, was ich tun soll" bis "Wenn ich lieben darf, wen ich möchte". So wechselte der Tanztrainer kurzzeitig in die Rolle des Philosophie-Lehrers.

Von der Philosophie-Stunde zur Tanz-Choreografie

Noch vor dem ersten Tanzschritt konfrontierte er seine Klasse mit Fragen: "Würdest du dich frei fühlen, wenn du einen sicheren Job und Familie hast oder willst du etwas anderes? Wie fühlst du dich überhaupt, wenn du fessellos bist?" Seelenkunde mit Sinn: Nicht einfach drauflostanzen, sondern das Thema mit Blut und Leben füllen - das sei das Ziel gewesen, sagt der Choreograf. Da sei es schon mal vorgekommen, dass ein junger Tänzer zum Probebeginn mit einem Zeitungsartikel zum Thema winkte. Das Wichtigste für Martins: Das Gefühl von Freiheit, aber auch ihre Einengung in der Choreografie zum Ausdruck zu bringen. Am besten so, dass auch das Movimentos-Publikum die Botschaft versteht. Und so zeigt sich bei den Proben schon das, was die Zuschauer bei den drei Aufführungen im April erwartet: Euphorisches Springen und weit ausholende Bewegungen auf der einen Seite. Zusammengekrampfte Körper und ängstliche Gesten auf der anderen.

Die Movimentos-Tanzklasse im Proben-Endspurt

Das "Guter Bulle, böser Bulle"-Prinzip

Von allzu viel Verkopftheit oder gar Melancholie ist beim Training aber trotzdem nichts zu spüren: Da lacht schon einmal, wer mit allzu viel Schwung unsanft auf den Boden plumpst. Und auch Choreograf Martins zeigt geduldig, wie es anders geht, wenn mal etwas hakt. Nicht, dass er nicht auch anders könnte. Wer Mist baut, dem sagt er es auch: "Ich bin 'good cop und bad cop' zugleich", so der Tanz-Trainer. Improvisation bedeute schließlich nicht, dass jeder machen könne, was er wolle. Und so hat Martins einige der "Bilder" genannten Bewegungen dann doch vorgegeben: "Sonst fliegt mir das ja alles um die Ohren." Wie die jungen Tänzer das anordnen, lässt er ihnen aber offen. Martins Sicht auf Freiheit zeigt sich eben auch hier: Struktur und Unabhängigkeit als sich ausbalancierende Kräfte.

Auftritte der Movimentos Akademie

Die Tanzstücke der Movimentos Akademie stehen in diesem Jahr unter dem Motto "Freiheit". Dabei haben sowohl die Wolfsburger Tanzklasse mit Tänzern im Alter von acht bis 20 Jahren als auch die Tänzer des Projekts "Movimentos Akademie tanzwärts" vom Braunschweiger Staatstheater Choreografien zu dem Thema einstudiert.
Die Premieren-Aufführung ist am 22. April im Theater Wolfsburg. Die zwei weiteren Termine sind am 23. April im Theater Wolfsburg und am 30. April im Staatstheater Braunschweig.

"Laien sind unbedarft und pur"

Genauso wenig ein Widerspruch: Keiner der hier am Ende hohe Tanzkunst zeigt, ist ein Profi. Traditionell sind die Tanzklassen-Mitglieder Laien und wurden in Castings für das Projekt ausgesucht. Klar sei das nicht immer leicht: Martins gibt zu, dass er den Mädchen und Jungen hier und da schon noch etwas beibringen muss. Selbst wenn einige nicht bei ihrer ersten Movimentos tanzen. Aber: "Sie sind eben auch unbedarft und total pur im Ausdruck und füllen die Bewegungen mit ihren eigenen Gefühlen", so der Choreograf. Die meisten der Bewegungen und Bilder sind mittlerweile fertig - die Proben der Tanzklasse und auch des zweiten Teams, dem Projekt "Movimentos Akademie tanzwärts" vom Staatstheater Braunschweig, befinden sich in der Hochphase. Arbeit gebe es derweil noch zuhauf, sagt Martins. Auf die Premiere am 22. April sind hier trotzdem alle schon gespannt - egal, ob Choreograf oder Tänzer. Und ein bisschen geht der Blick schon weiter: "Freiheit ist total spannend", sagt Daniel Martins. "Beim nächsten Mal kann es aber auch mal ein unfreundlicheres Thema sein."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.04.2017 | 12:00 Uhr

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