Stand: 21.04.2017 14:38 Uhr

Gitarrenmagie mit Rafael Aguirre

Der spanische Gitarrenvirtuose Rafael Aguirre eröffnet die 15. Hamburger Gitarrentage. Vorab hat er NDR Kultur einen Studiobesuch abgestattet und mit Philipp Cavert über die Besonderheiten der Gitarre gesprochen.

NDR Kultur: Gefällt es Ihnen in Hamburg?

Rafael Aguirre: Hamburg ist eine meiner Lieblingstädte in Europa. Diese Stadt hat ein besonderes Flair. Ich bin am Meer geboren und hier habe ich quasi ein Meer-Gefühl - ich liebe das. Hamburg hat mit Mendelssohn und Brahms eine große musikalische Tradition. Auch die NDR Orchesteraufnahmen mit Günter Wand habe ich sehr lange gehört, die Bruckner-Aufnahme zum Beispiel.

Es ist auch immer eine Gelegenheit, Kollegen zu treffen, sich untereinander auszutauschen. Wen trifft man da? Kennen Sie sich alle in der Szene?

Aguirre: Wir kennen uns fast alle aber es gibt auch immer wieder Überraschungen: Plötzlich kommen Spieler, die man nicht kennt und die wunderbar musizieren. Aber wir Gitarristen sind wie eine große Familie. Und das ist auch schön, weil die Gitarre eigentlich ein Volksinstrument ist. Ich bin viel um die Welt gereist und überall findet sich eine Gitarre. Aber sie wird anders gespielt. Wie man zum Beispiel in Argentinien oder in Brasilien Gitarre spielt, hat nichts mit dem zu tun wie man in Südspanien Flamenco spielt. Das ist das Schöne: Dasselbe Instrument hat so viele verschiedene Stimmen durch die Leute, die sie spielen und entwickeln. Für das, was ich mache, die sogenannte klassische Gitarre, gibt es noch viel zu entwickeln bei den ganzen Bearbeitungen und Originalwerken. Ich persönlich versuche auch, andere Stilrichtungen zu spielen. Ich spiele seit über zwanzig Jahren und bin jeden Tag überrascht, wie vielseitig die klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments sind.

Auf den großen Konzertbühnen ist die Gitarre naturgemäß immer etwas unterrepräsentiert. Wollen Sie das ändern?

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Rafael Aguirre hängt sehr an seiner klassischen Gitarre.

Aguirre: Ja! Aber ich hoffe, ich bin nicht alleine auf dem Weg. Meiner Meinung nach ist die Gitarre ein Volksinstrument, auf dem auch klassische Musik gespielt wird. Aber das ist kein Nachteil, sondern eigentlich ein Vorteil, denn obwohl wir kein großes Repertoire von Originalstücken von Beethoven, Schumann, Mozart oder anderen haben, gibt es zum Beispiel das "Concierto de Aranjuez". Und das ist sehr interessant, denn das wird nur in h-Moll-Akkorden gespielt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf einem anderen Instrument so erfolgreich gewesen wäre. Nur h-Moll-Akkorde und die Leute sind total verzaubert.

Ich denke, die Gitarre hat sehr gut überlebt, weil sie einen Ton hat, mit dem man Magie produzieren kann. Es wäre natürlich gut, wenn wir diese Meisterwerke hätten, aber schon wegen dieses Klangs lohnt es sich, ins Gitarrenkonzert zu gehen und diese ganzen Möglichkeiten zu entdecken. Ich spiele zum Beispiel auch Mendelssohns "Venetianisches Gondellied". Das ist sehr interessant aber immer auch ein Experiment. Ich sage immer: Was wäre, wenn dieser Komponist doch für die Gitarre geschrieben hätte? Alle waren in Kontakt mit der Gitarre, aber warum ist das so? Wir können es jedenfalls nicht mehr ändern, aber wir können trotzdem heute etwas damit machen.

Von welchem bekannten Komponisten hätten Sie sich am liebsten ein Stück gewünscht, das extra für Sie komponiert worden wäre?

Aguirre: Beethoven. Also, Beethoven ist mein Lieblingskomponist, er hat immer Musik mit so viel Charakter und Persönlichkeit geschrieben. Und dann Mozart. Wenn wir nur zwei Stücke von Beethoven und Mozart für die Gitarre hätten - aber wie gesagt, das ist nicht mehr möglich. Aber wir können immer Bearbeitungen spielen. Das ist auch nicht schlecht.

Mit Bearbeitungen haben Sie viel Erfahrung, indem Sie das Repertoire sehr weit bis hin zu Filmmusik geöffnet haben. Was inspiriert Sie alles und wie setzen Sie diese Ideen für Ihr Instrument selbst um?

Aguirre: Ganz intuitiv eigentlich: Es muss immer etwas sein, wo die Gitarre sich wohlfühlt. Ich habe zum Beispiel bei meiner ersten Tournee in den USA die drei Prälüdien für Kalvier von George Gershwin gespielt. Das erste Konzert war in New Orleans und die Leute kamen und sagten: "Hey man! That was so cool!" Die Gitarre ist ein Orchester in Miniatur, wie Berlioz gesagt hat. Man kann sehr einfach mit der Gitarre eine intime Atmosphäre schaffen, aber man kann auch einen orchestralen Klang schaffen, weil die Gitarre so viele Kalgnfarben produzieren kann. Man kann wie eine Klarinette, wie eine Posaune oder wie eine Violine klingen. Oder auch wie ein Kontrabass, wenn man nur mit der Fingerkuppe zupft. Das haben auch die großen Pianisten wie Horowitz gesagt: Man muss daran glauben, wenn man musikalisch etwas schaffen will. Die Gitarre ist da für das Publikum noch relativ unbekannt, obwohl sie gleichzeitig das bekannteste Instrument der Welt ist.

Sie haben einmal gesagt: "Die Gitarre ist wie eine Dame." Hat Ihre einen Namen?

Aguirre: Nein. Aber es wäre auch schlecht, wenn ich den Namen vergesse - dann wäre sie bestimmt böse.

Immerhin hat Sie aber sehr interessantes Muster und Intarsien, auch auf der Rückseite, was man nicht oft zu sehen bekommt. Erklären Sie uns das?

Aguirre: Ja, diese Gitarre hat mein Vater gebaut. Er baut noch nicht so lange Gitarren. Er war Bankdirektor und auch selber Gitarrist und sein Traum war immer, selber Instrumente zu bauen. Er hat sogar Geigen gebaut. Und bei diesem Instrument sind auf der Rückseite Dekorationen - das nennt man auf Spanisch Talacea - im Holz inkrustiert, die man auch in der Alhambra in Granada sehen kann.

Ein Rautenmuster ...

Aguirre: ... genau. Es verändert den Klang nicht, aber es macht die Gitarre ein bisschen mysteriöser oder schöner, wenn man sie anfasst oder sieht. Und das kann man auch zeigen. Die Leute mögen das.

Das Interview führte Philipp Cavert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 21.04.2017 | 14:20 Uhr

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