Stand: 06.02.2017 07:08 Uhr

Wie lebte es sich im Hungerwinter vor 70 Jahren?

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Der Blick in die Vergangenheit: Erika Hesse erinnert sich an den kalten Winter, das wenige Essen, die vereisten Wände in der kleinen Baracke, in der sie mit ihrer Familie lebte.

Erst im Sommer 1946 war Erika Hesse gemeinsam mit ihrer Familie in das Barackenlager im Ronnenberger Ortsteil Empelde bei Hannover gezogen. Ein Lager, aufgebaut vom Roten Kreuz, im Auftrag der britischen Militärregierung, weil es in der vom Krieg zerstörten nahen Landeshauptstadt an Wohnraum mangelte. Bis zu 2.000 Menschen, zum größten Teil Vertriebene aus dem Osten, lebten in diesem wohl größten Lager der Region. Erika Hesse und ihre Familie, Geschwister, Eltern und die Großmutter, wohnten hier in einer kleinen Baracke, in nur einem Zimmer. Die Wände waren aus Beton, mit dünnen Fenstern und nur einem kleinen Ofen zum Heizen. Die Familie war aus dem Kreis Neumarkt in Schlesien nach Empelde gekommen, hatte den größten Teil ihres Besitzes zurücklassen müssen, nur wenig Kleidung und Schuhe mit ins Lager gebracht. Im besonders kalten, schneereichen und vor allem langen Winter - von November 1946 bis Mitte März 1947 - sollte das zu einem großen Problem werden. Und nicht nur das.

Wie lebte es sich im Flüchtlingslager bei diesem kalten Winter?

Erika Hesse: Das Problem war, dass eine sanitäre Versorgung fast nicht vorhanden war. Es gab eine Toilette - ein Plumpsklo, für 20 Personen oder mehr, das irgendwo in der Gegend stand. Um dahin zu kommen, musste man nach draußen. Und es gab für rund 20 Leute auch nur einen Wasserhahn, ebenfalls draußen. Der durfte nie ganz zugemacht werden, musste immer ein bisschen tröpfeln, sonst fror er ein. Dann musste man ihn mit heißem Wasser wieder zum Laufen bringen. Manchmal gelang das nicht, wenn die Kälte sehr, sehr groß war. Außerdem hatten wir kaum Geschirr. Wir hatten nur eine große Schüssel, in der alles gewaschen werden musste.

Wie gingen Sie mit den Minusgraden in zweistelliger Höhe um?

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In der Baracke in Empelde war nur wenig Platz.

Hesse: Im Grunde war es ein Wunder, dass wir nicht alle furchtbar krank geworden sind. Das größte Problem waren die Schuhe. Wir hatten einfach keine vernünftigen Schuhe und man konnte auch nicht einfach neue kaufen. Deshalb hatten wir ständig nasse und kalte Füße und hielten es aus diesem Grund auch nicht lange draußen aus. Außerdem kam unser Ofen gegen die Kälte in der Baracke nicht an. Morgens waren die Wände voller Eis. Wenn dann der Ofen angeheizt wurde, tropfte das Schmelzwasser von der Decke.

Kohle war Mangelware - wie konnten sie heizen?

Hesse: Der Mangel an Heizmaterial war natürlich ein großes Problem. Wir hatten Bezugsscheine - doch der Kohlenhändler hatte häufig selbst nichts. Und wenn er mit einer Ladung Kohle ins Lager kam, dann reichte das nicht aus, um 2.000 Leute zu versorgen. Mein Vater hat dann auch mal selbst Hand angelegt an einem Baum. Doch das wurde gemeldet und die Polizei kam. Das Holz haben sie uns gelassen, sie kannten unsere Not. Doch weil wir nur einen kleinen Ofen hatten, hätten wir ohnehin nicht viel mehr heizen können. Und in diesem besonders strengen Winter war das häufig sehr hart. Wir zogen einfach alles an, was wir hatten. Erfroren sind wir nicht, aber es war sehr schwierig.

Auch Lebensmittel gab es nur sehr wenig. Wie kamen Sie über die Runden?

Hesse: Im Gegensatz zum Sommer, in dem wir immer mal was von den umliegenden Gemüsebauern günstig erstehen konnten, war es vor allem in diesem langen Winter natürlich sehr knapp. Ich habe meine Großmutter dafür bewundert, dass sie immer noch irgendwo etwas herholte. Die Rationen, die uns auf Lebensmittel-Marken zugeteilt wurden, reichten für uns Kinder gerade so. Aber für die Erwachsenen war es eigentlich immer zu wenig. Wir waren alle sehr schlank. Was heute manchmal ein Problem ist, kannten wir nicht.

Wie sehr hat Sie diese Zeit geprägt?

Hesse: Die Zeit im Lager war ja so, dass man besonders anfangs gedacht hat: Schlechter kann es nicht werden, nur besser. Und deshalb freuten wir uns schon über Kleinigkeiten. Am Anfang hatten wir keine Tischdecke, irgendwann hatten wir dann eine. Und wir haben immer fest zusammengehalten - besonders in diesem harten Winter. Das mussten wir auch. Wir mussten zwangsläufig etwas gemeinsam machen. Man konnte nicht einfach in ein anderes Zimmer gehen und weil es schneite und fror, konnten wir nicht einfach draußen rumrennen. Diese Umstände haben uns als Familie enger zusammenrücken lassen. Und das wir diesen extremen Winter durchgestanden haben, das hat mich auch gestärkt. Kleine Katastrophen, mit denen andere Leute vielleicht Probleme haben, sind für mich keine. Ich habe in dieser Zeit gelernt, Dinge, Umstände, die man nicht ändern kann, anzunehmen und mich damit zu arrangieren.

Das Interview führte Ole Lerch, NDR.

Noch immer lebt Erika Hesse in dem Ronnenberger Ortsteil Empelde - nur wenige Gehminuten vom ehemaligen Gelände des Flüchtlingslagers entfernt. Auf eine Sache hat sie beim Kauf ihrer neuen Wohnung bestanden: den Einbau einer Zentralheizung, die zunächst nicht vorgesehen war. Von einem Ofen, wie in der Baracke im Lager, hatte sie nach ihren Erfahrungen ein für allemal genug.

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