Stand: 19.03.2017 08:00 Uhr

Anti-AKW-Protest 1977: "Schlachtfeld" Grohnde

von Oliver Weiße
Rund 12.000 Demonstranten stehen am 19. März 1977 mehr als 4.800 Polizei- und Bundesgrenzschutzbeamten gegenüber. Auf einer Länge von 15 Metern reißen die AKW-Gegner den doppelten Metallgitterzaun auf dem Baugelände des Atomkraftwerkes Grohnde ein.

Der 19. März 1977 ist ein schöner Tag im Weserbergland. Eigentlich. Ein Hauch von Vorfrühling liegt in der Luft. Doch viele Menschen haben anderes im Sinn, als den Tag zu genießen: Mehr als 20.000 Menschen versammeln sich in Grohnde, einem kleinen Ort rund 50 Kilometer südlich von Hannover, um gegen den Bau eines Atomkraftwerks (AKW) an der Weser zu demonstrieren. Einer von ihnen ist Peter Dickel, ein Jurastudent aus Hamburg, der sich in der aufkeimenden Anti-Atomkraft-Bewegung engagiert. "Viele Demonstranten waren geradezu euphorisch", erinnert er sich. Doch im Laufe des Tages soll sich die Stimmung bei vielen Menschen verfinstern. Was als friedlicher Protest gegen den geplanten Atommeiler geplant war, wird zu einer regelrechten Schlacht zwischen Demonstranten und Polizisten. Nicht nur das von der Polizei eingesetzte Tränengas sorgt für Tränen. Hunderte Menschen - Demonstranten wie auch Polizisten - werden teils schwer verletzt.

"Mauerblümchen" Grohnde

Videos

Panorama vom 20. März 1979

20.03.1979 21:15 Uhr
Das Erste: Panorama

Die Sendung von Panorama vom 20. März 1979. Unter anderem sind auch die Auseinandersetzungen in Grohnde ein Thema. Video

Gemeinsam mit dem Historiker Bernhard Gelderblom will Peter Dickel die Erinnerungen an jenen für die Region einschneidenden Tag wachhalten. Medial habe Grohnde damals keine große Rolle gespielt, sagt er. Ganz im Gegensatz zum schleswig-holsteinischen Brokdorf, wo ebenfalls ein AKW errichtet werden sollte. Die Bilder von den gewalttätigen Auseinandersetzungen waren damals in der Tagesschau bundesweit zu sehen und Gesprächsthema. "Grohnde war bis dahin ein Mauerblümchen", sagt auch der Hamelner Historiker Gelderblom.

Vereint gegen das Atomkraftwerk

Dabei war jener März-Tag in Grohnde laut Dickel nicht minder hart. In Brokdorf sei dies zu erwarten gewesen. Die Nähe zur Metropole Hamburg mit ihrer großen linken Szene hätte dabei eine Rolle gespielt, so Dickel. Im Weserbergland gab es eine solche Szene nicht in diesem Ausmaß. In der Region hatte sich der Protest gegen das AKW in mehreren Bürgerinitiativen organisiert. "Dabei waren Lehrer, Angestellte, Handwerker und Landwirte, die ganz unterschiedliche politische Positionen vertraten, sie alle einte aber die Haltung gegen das geplante AKW an der Weser", sagt Dickel.

Nicht nur friedlicher Protest

Hintergrund

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Gewalt als Mittel des Widerstands wurde von vielen Menschen in der Region abgelehnt. Unter den Studenten aus Hamburg, Göttingen und Bielefeld habe es viele gegeben, die damals dazu eine andere Haltung gehabt haben, so Dickel. Seit den 60er-Jahren sei die Gesellschaft auch durch die Studentenbewegung im Umbruch gewesen. Man habe die Einstellung gehabt, dass man sich es nicht gefallen lassen dürfe, dass überall neue Atomkraftwerke aus dem Boden gestampft werden konnten. Einige in der beginnenden Anti-Atom-Bewegung fanden es laut Dickel legitim, nicht nur auf friedlichen Protest zu setzen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 09.03.2017 | 06:30 Uhr

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