Stand: 01.03.2017 17:06 Uhr

Als Alsterdampfer Hamburger zur Arbeit brachten

Eine Fahrt mit dem Alsterdampfer gehört für Hamburg-Touristen seit vielen Jahrzehnten zum Pflichtprogramm. Ob Dämmertörns, Kanal-, Fleet-, Vierlande- oder Alsterkreuzfahrten - das Angebot ist vielfältig. Die "Weiße Flotte" gehört zu den Wahrzeichen der Stadt. Was in der heutigen Zeit, in der alles immer schneller gehen muss, nur noch schwer vorstellbar ist: 125 Jahre lang - von 1859 bis 1984 - waren die Alsterschiffe ein beliebtes Verkehrsmittel im täglichen Berufsverkehr in der Hansestadt. Nach mehr als 30 Jahren Pause wird jetzt in Hamburg darüber diskutiert, ob es bald ein Comeback geben könnte: Die CDU hat vorgeschlagen, die Alster-Linien-Schifffahrt wieder aufzunehmen. "Alsterschippern statt Bus-Mief und Stau-Frust", so die Forderung der Oppositionspartei.

125 Jahre Linienverkehr auf der Hamburger Alster

Erster Alsterdampfer "Alina" startete 1859

Der Versicherungsmakler Gustav Adolph Droege hatte als Erster die Idee, einen Linienverkehr mit Dampfschiffen auf der Alster einzurichten. Nach jahrelanger Prüfung erhielt er vom Senat 1856 die Konzession. Für den Betrieb wollte Droege ein Rheinschiff nehmen - doch der Raddampfer "Stadt Mülheim" schlug 1857 bei der Überfahrt vom Rhein zur Elbe leck. So war es am 15. Juni 1859 der Schraubendampfer "Alina" vom Hamburger Schiffsmakler Johann Peter Parrau, der den Startschuss für die Alsterschifffahrt gab. Das auf der Hamburger Reiherstieg Schiffswerft gebaute Dampfboot startete mit einem Linienbetrieb vom Jungfernstieg zum Mühlenkamp und nach Eppendorf.

Später kamen Fährverbindungen zwischen dem Uhlenhorster Fährhaus und dem Fährdamm Harvestehude sowie andere Anbieter dazu. Diese schlossen sich 1860 mit Parrau zu einem Verkehrsverbund mit abgestimmtem Fahrplan und einem einheitlichen Tarifsystem zusammen. Sie benutzten die Anleger gemeinschaftlich. Die Dampfer fuhren im 10- oder 20-Minuten-Takt. 1877 fuhren die Schiffe erstmals auch in den Eilbekkanal und ab 1890 sogar bis zur Von-Essen-Straße in Eilbek. Zu der Zeit war der Geschäftsmann Otto Wichmann Alleininhaber der gesamten Alsterflotte. Damals machten ihm vor allem die Pferdebahnen Konkurrenz.

Bis zu elf Millionen Fahrgäste in der Blütezeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts - der Blütezeit des Alster-Linienverkehrs - waren etwa 30 Dampfschiffe auf der Alster im Einsatz. 1911 beförderten die Alsterdampfer sogar etwa elf Millionen Fahrgäste - und das auch nachts im 30-Minuten-Takt. Ihren vollständig weißen Anstrich erhielten die Schiffe bereits 1902 - es ist also das Geburtsjahr der "Weißen Flotte".

1919, nach Ende des Ersten Weltkrieges, erhielt die Hamburger Hochbahn AG das Verkehrsmonopol in Hamburg und wurde verpflichtet, auch die Alsterdampfschiffahrts-GmbH aufzukaufen. 37 Dampfer, fünf Schuten und vier Kähne standen zur Verfügung - doch ihr Betrieb rechnete sich zunächst nicht. Mitten in der Inflationszeit verpachtete die Hochbahn die Alsterschifffahrt an die Bugsierfirma Lütgens & Reimers. 1924 startete diese mit neuem Linienangebot, unter anderem zum Stadtpark. Zum Einsatz kamen neben 14 überholten Schiffen der alten Flotte auch Barkassen aus dem Hafen. 

Rückgang der Fahrgäste in den 1920er-Jahren

Aber das Aufkommen von Straßenbahnen, Omnibussen und U-Bahnlinien sorgte in den 1920er-Jahren für einen Passagierrückgang auf den langsameren Schiffen. Nutzten in jenem Jahrzehnt noch rund sechs Millionen Menschen pro Jahr die Dampfer, waren es ein Jahrzehnt später bereits nur noch weniger als vier Millionen. 1935 übernahm die Hochbahn den Betrieb wieder und stellte bis 1939 zehn Motorschiffe in Dienst, die auf drei verschiedenen Linien fuhren - zum Winterhuder Fährhaus, zum Mühlenkamp und durch den Eilbekkanal zur Von-Essen-Straße. Einige der Schiffe fahren auch heute noch.

Menschen sitzen auf Bänken vor der Alster  Fotograf: Daniel Bockwoldt

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Hamburg Journal -

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Pause im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg waren die Alsterschiffe nicht im Einsatz. Dennoch wurden einige von Bomben getroffen und zerstört. Nach Kriegsende starteten 1946 die Fahrten wieder. Die Linie nach Barmbek-Süd wurde allerdings vorerst nicht reaktiviert - aufgrund der nahezu vollständigen Zerstörung des Stadtteils.

1965 Integration in den HVV

Rund 3,4 Millionen Passagiere nutzten in den 1950er-Jahren das Angebot. An die Fahrgastzahlen ihrer Blütezeit aber vermochten die Alsterdampfer nicht mehr anzuknüpfen. Bei Gründung des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) 1965 wurde der Alsterschiff-Verkehr integriert. Dennoch sanken die Fahrgast-Zahlen weiter. U-Bahn, Straßenbahn und Bus brachten ihre Fahrgäste einfach schneller ans Ziel.

Weniger Angebot, weniger Fahrgäste

Für Matthias Kruse, Vorsitzender des Vereins Alsterdampfschiffahrt, zeigt der Blick auf die Statistik, dass die rückläufigen Fahrgastzahlen aber auch unmittelbare Folge von Angebotseinschränkungen war. "Mit Einführung einer Winterpause 1974 wurde der Alsterlinienschifffahrt die konstante Funktion im Gesamtnetz des ÖPNV in Hamburg genommen. Ein auf die Sommerzeit beschränkter Betrieb muss zwangsläufig zu einer überwiegenden touristischen Nutzung führen", sagt Kruse. "Eine weitere Angebotseinschränkung war die Stilllegung der Linie 53 Jungfernstieg - Mundsburger Brücke zum Jahresende 1975."

Ende nach Millionen-Defizit 1984

Zählte die Alsterlinienschifffahrt in den Jahren 1974 und 1975 noch 1,8 Millionen Fahrgäste, waren es in den Jahren 1976 bis 1981 noch 1,3 bis 1,5 Millionen Fahrgäste. Mit Wegfall des 20-Minuten-Taktes der verbliebenen Linien 51 und 52 sank die Fahrgastzahl im Jahr 1982 auf eine Million. 1983 wurde zur Minderung des Defizits der Schnellbus-Zuschlag des HVV zuzüglich zum Normaltarif erhoben. So wurden nur noch 690.000 Fahrgäste im Linienverkehr gezählt. Das jährliche Betriebsdefizit erhöhte sich auf 1,33 Millionen DM. Am 7. Februar 1984 beschloss der Hamburger Senat deshalb, die Linienschifffahrt auf der Alster einzustellen. Aus ihr wurde die Alster-Kreuz-Fahrt der Alster-Touristik GmbH, die bis heute die alten Anleger weiterhin bedient.

Tourismus auf der Alster immer beliebter

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Während die Passagierzahlen bei den Linienfahrten abnahmen, stieg die touristische Auslastung der Alsterschiffe stetig an. Beliebt waren in den 1950er-Jahren zum Beispiel Lampionfahrten bei Nacht. Ab 1956 wurden Kaffeefahrten und acht Jahre später dann Frühschoppen- und Kanalfahrten als Ergänzung zu den Alsterlinien angeboten. Eine stufenweise Ausrichtung auf Ausflugs-, Rundfahrt- und Touristik-Angebote begann ab 1977.

Heute zwei Anbieter mit zahlreichen Rundfahrten

Heute starten vom Jungfernstieg aus zwei Anbieter ihre Alsterfahrten. Die Alster-Touristik GmbH ist an 365 Tagen im Jahr auf der Alster unterwegs und bietet zahlreiche Fahrten an. Die 18 Schiffe der Flotte schippern im Jahr durchschnittlich 400.000 Fahrgäste über die Alster. Der Alsterdampfschiffahrt e.V. bietet jährlich von Ende März bis Ende Dezember Fahrten mit dem historischen Schiff "St. Georg" an.

Älteste Dampfschiff-Flotte der Welt

Der Alsterdampfschiffahrt e.V. betreibt seit 1994 mit der "St. Georg" das älteste betriebsfähig erhaltene Fahrzeug des Hamburger Nahverkehrs und zugleich das älteste Dampfschiff Deutschlands. Der 1936 in "St. Georg" umbenannte Alsterdampfer wurde 1876 als "Falke" erbaut. Mit insgesamt drei Dampfschiffen der Baujahre 1875 bis 1879 verfügt Hamburg über die älteste Dampfschiff-Flotte der Welt. Die Schiffe "Nixe" (1875) und "Winterhude" (1879) sind noch nicht einsatzbereit.

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Dieses Thema im Programm:

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