Stand: 20.04.2017 06:30 Uhr

Stars, Stolz und Stolperfallen - 100 Tage Elphi

"Jahrhundertbau", "schwer zu toppen", "Traumschloss": Die internationale Presse überschlug sich mit Lobeshymnen bei der Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar. 100 Tage sind seitdem vergangen. Hat der neue Konzertbau die Erwartungen enttäuscht, erfüllt oder sogar übertroffen? Zeit, Bilanz zu ziehen.

Die Elbphilharmonie bei Nacht.

Freudenbilanz nach 100 Tagen Elbphilharmonie

Hamburg Journal -

Nach viel Hohn und Spott ist die Elbphilharmonie mittlerweile zu einem Besuchermagneten geworden. Das neue Wahrzeichen Hamburgs begeistert - ob im Saal oder auf der Plaza.

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  • Das sind die Tops

Eins steht fest: Die Elbphilharmonie kommt an beim Publikum. Mehr als 250.000 Konzertbesucher haben laut offiziellen Angaben bislang im Großen und Kleinen Saal Konzerte genossen. Sechs Mal so viele Menschen besuchten die Plaza: 1,5 Millionen wollten einen Eindruck von der Architektur und dem einmaligen Ausblick auf Hamburg bekommen. Die Plattform ist allerdings auch schon seit dem vergangenen November geöffnet, und die Reise-Saison geht jetzt erst richtig los.

Auch Prominente werfen einen Blick auf die weiße Haut: "Gerade erst habe ich den spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón durch das Konzerthaus geführt", sagt Elphi-Sprecher Tom R. Schulz. Hollywoodstar Keira Knightley habe sich bei ihrem geheimen Besuch im März "absolutely amazed", also absolut erstaunt, von Klang und Bau gezeigt.

Zudem beobachtet der Pressesprecher, dass das internationale Medieninteresse noch steigt. Hamburg sei nun "einer der weltweit auffälligsten Konzert-Veranstaltungsorte", hieß es im "Condé Nast Traveler". Von einem "neuen musikalischen Wahrzeichen für eine Stadt mit Plänen" war in der "New York Times" die Rede. Die Anfragen aus den USA und Asien häufen sich.

"Illustre Gang an Weltklasse-Künstlern"

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Mit seiner Darstellung eines Tyrannen in "Just call me God" begeisterte John Malkovich in der Elbphilharmonie.

"Worauf wir aber vielmehr stolz sind, ist unsere illustre Gang an Weltklasse-Künstlern", sagt Schulz. In den ersten 100 Tagen habe das Konzerthaus eine Art Leistungsschau mit renommierten Größen wie den Wiener und den New Yorker Philharmonikern oder dem Chicago Symphony Orchestra präsentiert. Dazu die besondere Produktion mit John Malkovich oder aktuell Mahlers Sinfonie Nr. 8.

Niveau halten

Der Akustiker Yasuhisa Toyota hat ganze Arbeit geleistet: Die klare Präzision wird vom Großteil der Kritiker euphorisch gelobt. Aber es gab einzelne kritische Stimmen, die den Ton als zu "breiig" monierten. Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter nimmt solche Einwände gelassen: "Das nervt, ehrlich gesagt, gar nicht, weil der Saal bestimmte Charakteristika hat, das muss man nicht mögen. Der Saal ist per Definition das Gegenteil vom Wiener Musikvereinssaal", sagte er NDR Kultur. Musiker und Publikum müssten sich erst einstellen, erklärt Sprecher Schulz. Denn auch das Rascheln mit dem Programmheft ist in der Elbphilharmonie genauso deutlich zu vernehmen wie die Pianissimo-Klänge.

Das alles sei allerdings "kein Grund, in Selbstzufriedenheit zu verharren", sagt Schulz, "auch künftig wollen wir auf Exzellenzniveau bleiben." Am 8. Mai soll das neue Programm für die Saison 2017/18 vorgestellt werden. "Es werden weitere Top-Orchester kommen. Es wird noch mehr Angebote geben und man kann sich auf viele spannende Projekte freuen", hatte Lieben-Seutter bereits angekündigt.

Die Elbphilharmonie - ein Hamburger Wahrzeichen

  • Das sind die Flops

Aber es ist auch nicht alles rund gelaufen in den ersten 100 Tagen der Elbphilharmonie, denn die Popularität bringt Schattenseiten mit sich. Allen voran sorgten Pannen beim Verkauf der Online-Tickets für negative Schlagzeilen. Genervte Interessenten, die stundenlang in Warteschleifen verweilten, um am Ende doch mit leeren Warenkörben den PC runterzufahren. Schwarzmarktpreise bei Ebay, die den Ursprungspreis um das Hundertfache übersteigen, sorgen für Frust.

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Kartenverkauf: Hamburger first!

Das soll sich ändern: Für die Saison 2017/18 wird ab dem 12. Juni ein neues Modell getestet, bei dem die Vorverkaufsstellen schon vor dem Onlineverkauf Karten anbieten. Damit sollen Hamburger einen Vorteil bekommen: Wer sich in die Schlange stellt, hat bessere Chancen auf Karten. Derjenige, der im Internet Tickets bestellen will, wird sich vorerst nur "bewerben" können, erläutert Tom R. Schulz. Die Zeit des Bestelleingangs ist dabei egal - so soll der Ansturm auf die Website abgemildert werden. Aus den Bewerbungen werden dann die Kartenkäufer ausgelost. Der Juni wird zeigen, ob das System sinnvoll ist.

Ein weiterer Kritikpunkt: Der große Andrang in Elbphilharmonie führt unter anderem zu längeren Warteschlangen an der Damentoilette. Außerdem wird in den Medien über Gäste berichtet, die Karten offenbar nur blindlings gekauft haben und den Konzertsaal - respektlos oder ahnungslos - früher verlassen. Das seien "absolute Ausnahmen", so Schulz von der Elbphilharmonie. Er freue sich vielmehr, dass die Sogkraft des Konzerthauses Menschen an Musik heranführe. So sieht das auch Intendant Lieben-Seutter.

Unfallschwerpunkt Saaltreppe

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Für Menschen mit Behinderungen entpuppt sich das Foyer der Elbphilharmonie als Labyrinth mit Stolperfallen.

Woran derzeit noch gearbeitet wird, sind die Sicherheit und der Komfort. Einige Besucher waren in der Elbphilharmonie gestürzt. Unfallschwerpunkt: die schrägen Treppen im Saal und die schlecht markierten Treppen im Foyer. Acht Menschen zogen sich nach Angaben des kaufmännischen Direktors Jack Kurfess Knochenbrüche zu - eine Dame am Halswirbel. Nun rüsten Architekten und das Bauunternehmen mit Markierungen und zusätzlichen Geländern nach.

Kein Bewusstsein für Barrierefreiheit?

Kommentar
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Elphi: Erwartungen erfüllt - und übertroffen

250.000 Menschen haben in den ersten 100 Tagen Elbphilharmonie-Konzerte erlebt. 1,5 Millionen waren auf der Plaza. Es hat sich gelohnt, meint NDR Autor und Moderator Daniel Kaiser. mehr

Ein wichtiger Punkt, der auch für Menschen mit Behinderung eine große Rolle spielt. Denn bislang ist das architektonische Juwel für sie eher eine Zumutung. "Das Bewusstsein für uns ist einfach nicht da", kritisiert Peter Drews, der Vorsitzende des Bundes der Schwerhörigen e. V. in Hamburg. Auch die Liste der Mängel, die der Blinden- und Sehbehinderten Verein Hamburg e.V. (BSVH) gesammelt hat, ist lang. Neben dem gefährlichen Foyerbereich ist es vor allem der mangelnde farbliche Kontrast bei Kennzeichnungen und Beschilderungen, der Vielen zu schaffen macht. Aufzüge verfügen nicht über tastbare Informationen oder Beschriftung in Brailleschrift, die Stockwerke werden nicht angesagt. Im Großen Saal gibt es eine eingebaute Induktionsschleife, mit der Konzertbesucher bequem auf ihr Hörgerät umschalten können, aber nur auf den teuren Plätzen. Im Kleinen Saal fehlt sie ganz. Auch hier muss nachgebessert werden.

Ärgerliche und teure Fehler, die nach Ansicht der Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, Ingrid Körner, mit einer besseren Planung hätte vermieden werden können.

Drei Taxen für Hunderte Besucher

Das Verkehrschaos, das vor der Eröffnung vielfach prophezeit worden war, ist ausgeblieben. Dennoch gibt es Probleme bei der Abfahrt, denn der Taxistand vor dem Konzerthaus ist deutlich zu klein. Knapp drei Wagen finden dort derzeit Platz, dabei müssten es in Stoßzeiten eigentlich Hunderte Taxen sein.

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Die Zufahrt zur Elbphilharmonie ist durch die Mahatma-Gandhi-Brücke beengt.

So bleiben festlich gekleidete Gäste nach Konzertende oftmals buchstäblich im Regen stehen. Ein Einsteigen außerhalb des Standes ist gesetzmäßig verboten, Fahrern droht ein Knöllchen von 75 Euro wegen "unerlaubter Bereitstellung". "Ab und an drückt die Polizei zwar ein Auge zu, aber darauf verlassen können wir uns auch nicht", sagt Christian Brüggmann von der Taxen-Union Hamburg. Die Verhandlungen über einen temporären Taxi-Posten laufen nach seinen Informationen bereits seit Wochen - ohne Ergebnis. Das Ziel: Bis zu 15 Wagen sollen Gäste aufnehmen können. Ein Tropfen auf den heißen Stein, zumal die Regelung nur für nachts gelten würde. Nun muss sich die Behörde für Wirtschaft und Verkehr gegenüber dem Betrieb für Straßen, Brücken und Gewässer durchsetzen. Letzterer hatte eine Einigung bislang torpediert.

Elphi-Glück und Elphi-Frust liegen also noch dicht beieinander 100 Tage nach der Eröffnung. Es gilt, noch einige Stellschrauben nachzujustieren.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 15.04.2017 | 19:30 Uhr

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