Stand: 21.04.2017 15:23 Uhr

Sonntagsbrötchen sind noch immer Männersache

Klare Rollenverteilung am Sonntag: Der Gatte darf mit dem Hund Gassi gehen und auf dem Rückweg Brötchen kaufen, zu Hause wird derweil liebevoll der Frühstückstisch gedeckt. Tradition bleibt eben Tradition!

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Zu Hause wird die Brötchenvielfalt schon sehnsüchtig erwartet.

"Zwei Mohn, ein Krüstchen, drei Ofenfrische!" Zack, zack, bumms! So muss das laufen am Sonntagmorgen, wenn die Bäckerei fest in Männerhand ist. Keine zeitraubenden Floskeln, kein langatmiges "Guten Morgen, bitte, danke" oder "Ich hätte gerne". Hier findet zusammen, was Frauen angeblich so sexy finden: Männer, die wissen, was sie wollen und zu Hause nicht im Weg rumstehen, wenn die Tischlein-deck-dich-Routine abläuft.

Zum Erwerb dieser Eigenschaft empfehle ich eines dieser reetgedeckten Backstübchen auf Sylt, deren äußerer Idylle man nicht ansieht, dass es drinnen zugeht wie bei der Emission der Infineon-Aktie. Vor der Semmelbörse lenkte ich mein peinliches Auto verschämt in eine Flotte, für die eine alte Frau lange backen muss: Range Rover, Cayenne, GLS, X5, Q7.

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © f1online

Immer wieder sonntags ...

NDR Info - Auf ein Wort -

Sonntags geht der Mann mit dem Hund raus, kommt mit Brötchen zurück - und setzt sich an den gedeckten Frühstückstisch. Oder? Detlev Gröning bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Hinter den Heckscheiben hecheln ungeduldige Rassehunde, drinnen im Laden Führungskräfte, einsame Entscheider, die im Alltag für sich einkaufen lassen, an der Seite ihrer Partnerin schon nach einer Viertelstunde im Schuhgeschäft zusammenbrechen oder im Pflanzenmarkt noch schneller verwelken als die Primeln in den Setztöpfen. Heute, ohne die angetraute Shopping-Queen, sind sie präpariert wie vor der Telefonkonferenz mit den Vertriebsleitern: ein Roggen, vier Mehrkorn, zwei Croissants und ein Bungsberger!

Nie kam ich irgendwo so ungelegen wie hier und heute: "Ich nehme ... äh ... ein Sesam, eine Laugenstange ... und was sind das da hinten für welche?" Durch den Laden zieht ein großes Stöhnen und Augenrollen. Zeitungen werden aufgeschlagen, Smartphones gezückt, Termine verschoben. "Wie viele insgesamt?", fällt mir die Fachverkäuferin ins Gestammel - nicht nur um die Tütenklasse zu bestimmen, sondern vor allem um die Qual der Wahl zeitlich abzuschätzen und den genervten Profis transparent zu machen. Unter dem Druck der versammelten Vorstände rassele ich in Notwehr das K-Körbchen runter: "Fünf Knüppel, zwei Kieler, eine Kliffkante."

Noch heute überkommt mich Lampenfieber, wenn ich am Sonntagmorgen in einer fremden Bäckerei mein Einsatzzeichen kriege: "Wer bekam?" Verspüre ich jetzt auch nur die kleinste Konzentrationslücke, mache ich auf Kavalier und lasse der einzigen Dame den Vortritt. Frauen entfalten an dieser Stelle nicht selten eine wohltuende Bremswirkung. Hinter einem geschnittenen Danziger, der halben Bauernkruste und einer Nussbrotbestellung für übermorgen lässt sich die eigene Liste gedanklich noch mal durchgehen: drei Hallig, zwei Mohn-Sesam, zwei Dänische, ein Kornknacker ... oder war's die Eierwecke? Ich lasse mich lieber noch mal abhören. Übermorgen ist ja schon wieder Sonntag. Bis dahin muss das sitzen!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 21.04.2017 | 18:25 Uhr

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