Stand: 21.10.2014 14:13 Uhr

"Wir brauchen keine Sterbehilfe"

Bild vergrößern
"Unsere Aufgabe ist es, alles dafür zu tun, Palliativmedizin und Therapien weiter zu verbessern", sagt Frank Ulrich Montgomery.

Sterbehilfe ist ein kontrovers diskutiertes Thema. In Deutschland liegt im Zusammenhang mit der geplanten rechtlichen Neuordnung ein Eckpunktepapier vor. Ärzte sollen unter gewissen Umständen erstmals beim Suizid helfen können. Der Präsident der Bundesärtzekammer, Frank Ulrich Montgomery, erklärt im Interview mit den Weltbildern unter anderem, warum er gegen diesen Vorstoß ist.

Sie haben sich gegen ein Eckpunktepapier ausgesprochen, das eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten zur künftigen gesetzlichen Regelung von Sterbehilfe vorgelegt hat. Warum?

Frank Ulrich Montgomery: Dieser Vorschlag mündet in die Freigabe einer aktiven Sterbehilfe. Wer den assistierten Suizid auf diese Art und Weise rechtlich begründet, der macht ihn überhaupt erst gesellschaftsfähig. Damit erlischt für mich ein wichtiger Schutz für alle Schwachen in unserer Gesellschaft wie Alte, Kranke und Demente. Wir sehen doch bereits jetzt mehrere Fälle, wo aus meiner Sicht die ethischen Grenzen schon lange überschritten sind. Dazu zähle ich zum Beispiel die Organisation des früheren Hamburger Justizsenator Roger Kusch. Er soll, gemeinsam mit einem Nervenarzt, für den Tod von zwei Frauen verantwortlich sein, die sich 2012 über den Verein Sterbehilfe Deutschland in seine Obhut begeben haben. Der Grund für ihren Sterbewunsch soll allein die Angst vor dem Altern und dessen Folgen gewesen sein. Auch der Fall des belgischen Sexualstraftäters, der gemäß richterlichem Beschluss sterben darf, weil er nicht ausreichend therapiert wurde und eine Gefahr für die Gesellschaft ist, zeigt aus meiner Sicht nur, dass wir Sterbehilfe nicht gesellschaftsfähig machen sollten.“ 

Die Befürworter von passiver Sterbehilfe betonen immer wieder das sogenannte Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Welche Rolle spielt das in Ihren Überlegungen?

Es gehört zur Würde des Menschen, sein Leben so zu Ende leben zu können, wie er es sich wünscht. Das schließt das Recht auf den Freitod mit ein, nicht aber die Teilnahme anderer, die - wie wir Ärzte - eine besondere Garantenstellung gegenüber dem Leben haben. Unsere Aufgabe ist es, alles dafür zu tun, Palliativmedizin und Therapien weiter zu verbessern, um Menschen Schmerzen zu nehmen und so lange wie möglich die Lebensqualität zu erhalten. Daher haben wir uns nach langer Debatte auf dem Deutschen Ärztetag 2011 mit großer Mehrheit dafür entschieden, dass es Ärztinnen und Ärzten berufsrechtlich verboten sein soll, Beihilfe zur Selbsttötung ihrer Patienten zu leisten.“

Laut Meinungsumfragen ist eine Mehrheit der Deutschen für passive und in Teilen auch aktive Sterbehilfe. Ignoriert die Position der Bundesärztekammer diese Mehrheit?

Die Ärzteschaft ignoriert diese nicht, wie unsere vierjährige Debatte zum Thema zeigt, aber es kann keiner von uns verlangen, gegen unsere ethische Überzeugung zu handeln. Außerdem sprechen unsere Erfahrungen mit Patienten eine andere Sprache. Bei vielen Menschen bestehen große Ängste vor dem Tod und Vorbehalte gegenüber den Leistungen der Medizin am Ende des Lebens. Wir Ärzte müssen uns oft damit auseinandersetzen, dass, je weiter der Zeitpunkt des Todes noch entfernt ist, umso radikaler „klare, terminale Lösungen“ eingefordert werden. Man reklamiert für sich das Recht – ob man es in der konkreten Situation wahrmacht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Unsere Erfahrung zeigt, dass, wenn der Tod näher kommt, viele Menschen dankbar auf praktische Angebote der Sterbebegleitung reagieren und die zuvor intensiv geäußerten Tötungswünsche negieren.

In unserer Sendung berichten wir über die Situation in der Schweiz. Dort steigt die Zahl der Fälle legaler Sterbehilfe kontinuierlich. Fürchten Sie künftig in diesem Zusammenhang eine Art "Sterbe-Tourismus" aus Deutschland?

Nein. Ich wünsche mir aber sehr, dass die Debatte, die wir nun in Deutschland führen, die Menschen dazu bewegt umzudenken und sich wieder mehr umeinander zu kümmern. Denn Menschen, deren Todeswunsch übermächtig wird, sind oft eher in einer psychischen als somatischen Notlage. Sie sind des Lebens überdrüssig. Die Verlockungen eines leichten „Exits“ aus dem Leben werden in dieser Situation durch professionelle und geschäftsmäßig organisierte Sterbehelfer leider verstärkt. Diese bieten ein schnelles Ende an, statt echter, menschlicher Hilfe. Wichtig ist doch, den Menschen zu vermitteln: Deutschland hat ein gut strukturiertes System professioneller und kompetenter Sterbebegleitung, das immer weiter ausgebaut wird. Dank guter Angebote moderner Pharmakotherapie muss keiner mehr Angst davor haben, am Lebensende furchtbare Schmerzen zu erleiden, die „palliative Sedierung“ ist heute in klarer Abgrenzung zur Euthanasie oder Tötung auf Verlangen ein etabliertes und medizinisch-wissenschaftlich gut beschriebenes Verfahren, das in Palliativ- und Intensivstationen längst Eingang gefunden hat. Wir haben in den letzten Jahren viel dazu gelernt. Die Sorge vor der Inkaufnahme des Todes durch überhohe Dosierung starker Schmerz- und Beruhigungsmittel ist hinter den Erfolg des Verfahrens zurückgetreten. Deshalb sage ich: Wir brauchen keine Sterbehelfer - schon gar keine organisierten.

Das Interview führte Hendrik Backhus.

Weitere Informationen
Link

tagesschau.de: Wie viel Hilfe ist erlaubt?

Sechs Abgeordnete haben Konzepte vorgestellt, wie mehr Rechtssicherheit für ein würdevolles und selbstbestimmtes Sterben verankert werden kann. Mehr bei tagesschau.de. extern